Somnifere - Platzmangel aufgrund hohen Personalaufkommens (Interview, 2001)

Müssen muss man gar nichts, und passen tut's, wenn man sich auf etwas geeinigt hat, womit alle Leben können. So in etwa läuft das ab, wenn Somnifere ihre Musik schreiben. Wer sich einmal Audioporn angehört hat, muss sicherlich eingestehen, dass die 6 Wormser konsequent ihre Vorstellungen von moderner Metalmusik umsetzen, ohne sich dabei limitieren zu lassen, aber auch ohne irgendwelche abgedrehten Spinnereien auf Teufel komm raus in die Musik zu integrieren, nur um sich künstlich von anderen Bands abzuheben. Dass man als Hörer vielleicht bei den ersten 3 Durchläufen von Audioporn etwas misstrauisch durch die Gegend schaut, ist dabei durchaus verständlich und auch ok. Ein Grund mehr, um Carsten Recht zu geben, wenn er sagt, dass es wohl nicht interessant sein könne, einer Platte zuzuhören, die bereits nach dem zweiten Durchlauf nichts Neues mehr zu bieten hat. Was der Schlagzeuger von Somnifere sonst noch zu erzählen wusste, und wie sich 6 Leute auf der Bühne arrangieren, damit sie sich nicht gegenseitig umrennen, könnt Ihr untenstehend nachlesen. Viel Spass dabei.

Ihr stammt aus Worms. Das ist sogar uns Schweizern ein Begriff. Aber wo in Deutschland liegt denn Worms genau?

Carsten: In Süddeutschland, ziemlich genau zwischen Mainz und Ludwigshafen, Mannheim. Genau in der Mitte eigentlich. Mannheim, Ludwigshafen, BASF, das wird Dir sicherlich auch ein Begriff sein. Kaiserslauten ist links von uns.

Euer Name ist ein wenig ungewöhnlich, aber schliesslich konntet Ihr Euch nicht Grave-worms oder sowas taufen, das gibt's schon. Bezüglich des Wortes Somnifere habe ich eigentlich nur eine englische Uebersetzung für das Adjektiv "somniferous" gefunden, was soviel wie "einschläfernd" bedeutet. Aber das kann ja wohl nicht damit gemeint sein.

Carsten: Nein, einschläfernd soll die Musik natürlich nicht wirken. Somniferum kommt aus dem Lateinischen und steht für einen Hauptbestandteil von Opium. Ein Rauschmittel also. Und genau das wollen wir mit unserer Musik auch erreichen - einen Rauschzustand.

Ihr habt als Gothic Metal Band angefangen. Erzähl doch mal etwas über die Anfangstage von Somnifere.

Carsten: Begonnen hat eigentlich alles mit unserem Gitarristen Alex und mir. Wir haben die Band gegründet. Damals hatten wir noch einen Bassisten und Sänger, der dann aber nach unserem ersten Auftritt gegangen ist.

Nach Eurem ersten Auftritt?

Carsten: Ja, das war damals mit Hate Squad. Da haben wir zum ersten Mal gemerkt, was das eigentlich für ein Chaot ist, unter anderem wegen seinen rechten Sprüchen auf der Bühne und sowas in der Art. Unser Gitarrist ist damals von der Bühne gegangen. Ich selbst habe das nicht mal mitbekommen. Der war einfach irgendwann weg. Aber diese Erfahrung hat uns schlussendlich auf den richtigen Weg gebracht. Zu der Zeit waren unser heutiger Keyboarder und der zweite Gitarrist schon mit dabei. Unser jetziger Sänger und der Bassist kamen dann eigentlich direkt im Anschluss zu uns. Im Prinzip entstand Somnifere aus zwei verschiedenen Bands, aus Abortion und Eyefore.

Ihr habt Eure Platte Audioporn genannt. Steht das Wort "porn" für das hemmungslose Zusammenmischen verschiedener Stilarten oder wie soll man das verstehen?

Carsten: So kann man es eigentlich treffend beschreiben. Der Begriff "porn" soll für die Vielfältigkeit und auch die Unmöglichkeit, die wir in unsere Musik teilweise packen, stehen. Und "audio" steht natürlich für die Musik selbst.

Macht Ihr Euch ab und zu Gedanken darüber, dass Ihr mit Eurer Vielfalt eventuell auch eine Leute überfordern könntet?

Carsten: Ja, das kann durchaus sein. Allerdings versuchen wir schon, unsere Lieder so aufzubauen, dass man sie bereits im ersten Durchgang verstehen kann. Ich denke, dass es heutzutage schon schwer genug ist, nur einfach richtig Musik zu hören, da die Leute keine Zeit haben. Ich mag es aber selbst nicht, wenn ich mir eine Platte anhöre, bei der ich schon nach dem zweiten Durchgang feststellen muss, dass ich darin nichts mehr Neues entdecken kann. Ich denke aber nicht, dass wir ZU sehr überfordern. Eine gewisse Geradlinigkeit und entsprechende Songstrukturen kann man sicherlich schon noch erkennen.

Ihr kommt in den Songs auch immer wieder zu Eurem groovigen Metal zurück, an dem man sich dann notfalls zurückorientieren kann.

Carsten: Ja. Neben dem Groove versuchen wir auch, Refrains zu schreiben, die ins Ohr gehen, wie beispielsweise bei Nevermore oder Demon. Diese Titel sind vom Songaufbau her eigentlich typische Lieder. Wir versuchen aber auch hier, die Stücke mit einer gewissen Spannung aufzubauen und etwas hineinzumixen, damit sie sich dann eben doch nicht ganz so normal anhören.

Gibt es auch irgendwelche Grenzen, die Ihr Euch selbst setzt? Etwas, von dem Ihr sagt: "Nein, das kommt nicht in unsere Musik rein?" Trotz aller Kreativität?

Carsten: Das gibt es schon. Ich denke nicht, dass wir irgendwann mal ein Black Metal Lied schreiben werden. Wir probieren ziemlich viel aus, aber einen Reggae-Part wird man bei uns beispielsweise sicherlich nicht finden. Ein solches Stück haben wir übrigens bereits schon mal verworfen.

Besonders gefallen haben mir gewisse Keyboard Sounds, die mich etwas an die 80er Jahre Popsounds erinnern. Interpretiere ich da nur etwas hinein oder ist Euer Keyboarder ein Fan von solchen Klängen?

Carsten: Unser Produzent hatte eine Groovebox im Studio stehen, die uns sehr gereizt hat, vor allem auch unseren Keyboarder. Daraufhin haben wir natürlich ziemlich viel damit ausprobiert. Bei Stücken, wo das Keyboard sehr dominant auftritt, zum Beispiel bei Shock Inside, kannst Du den typischen Sound unseres Keyboarders hören, der uns allen gut gefallen hat, weil dieser eben keiner der normalen Sounds ist, die im Metal normalerweise verwendet werden.

Bei aller Freundschaft und Harmonie. Mit 6 Leuten in der Band wird es wohl nicht immer so einfach sein, sich untereinander zu einigen.

Carsten: Ja, man braucht viel Nerven. Es gibt immer wieder heisse Diskussionen im Proberaum, aber ich denke, wir haben mittlerweile einen Weg gefunden, uns untereinander zu einigen. Wir spielen jetzt seit 6 Jahren zusammen, und das mit einem konstanten Line-Up. Man entwickelt dabei nicht nur die Musik weiter sondern auch das Verständnis füreinander. Wenn jetzt jemand neu in die Band käme, würde er aber wahrscheinlich durchdrehen. Klar gehen wir da auch Kompromisse ein. Aber wenn uns etwas nicht gefällt, verwerfen wir meist die ganze Idee. Wir probieren zuerst daran herum, bis wirklich jeder damit einverstanden ist und damit Leben kann.

Ein Liveauftritt mit 6 Leuten ist auf kleinen Bühnen sicherlich ein Problem. 6 Leute ist ja nicht unbedingt eine Normalbesetzung für eine Metalband. Rennt Ihr Euch dabei nicht manchmal gegenseitig um? Ok, Du nicht, Du sitzt ja.

Carsten: Haha. Das ist meistens schon ein Problem, aber bis jetzt haben wir es immer lösen können, zumal Keyboard und Schlagzeug ganz gut nebeneinander aufgestellt werden können. Die Jungs vorne müssen sich halt arrangieren. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass unser Sänger in der Gitarre unseres Gitarristen gehangen hat.

Das ist schlecht für Euren Gitarristen, denn Ralf ist ja ein "ziemliches Tier".

Carsten: Auch dem tut es weh, wenn plötzlich ein Büschel Haare fehlt, haha.

Outfitmässig habt Ihr ebenfalls keine klaren Strukturen. Da kommt jeder ein daher, wie er gerade will, was auch ok ist. Seht Ihr Euch in Bezug auf Eure Musik und auch auf Euch selbst als typische Metalband oder würdet Ihr Euch anders definieren?

Carsten: Wir sehen uns als Metalband, auf jeden Fall, denn unsere Roots liegen auch dort. Ich persönlich höre seit etwa 9 Jahren Musik der härteren Gangart. Ich habe mit Obituary und Anthrax angefangen. Unser Sänger ist jetzt 30 (alte Säcke wo man geht und steht - Anm. eines Leidensgenossen) und dürfte in Sachen Metal mittlerweile etwa 15 Jahre auf dem Buckel haben. Durch den Metal haben wir uns auch kennengelernt. Wir mischen hauptsächlich Metalstilrichtungen zusammen. Dabei kommen eben auch noch metaluntypische Sachen mit hinein. Aber ich würde uns, wie schon gesagt, definitiv als Metalband bezeichnen.

Wie seid Ihr denn bei Massacre ohne Aexte, Kriegerrüstungen und Hairstylisten untergekommen? Massacre haben ja nicht viele Bands wie die Eure unter Vertrag.

Carsten: Das mit dem Deal an sich ging relativ schnell. Innerhalb von 2 Wochen haben wir im Studio gestanden. Als die CD fertig war, schienen Massacre allerdings nicht mehr so begeistert davon zu sein. Dazu kam halt noch, dass während des letzten Jahres ziemlich viele Bands von Massacre weggegangen sind, Theatre Of Tragedy oder Atrocity beispielsweise. Daher hatten sich die Leute von Massacre wohl ein wenig angepisst gefühlt. Unsere CD ist eigentlich schon im Januar 2000 fertig gewesen, und deshalb haben wir ein bisschen auf glühenden Kohlen gesessen. Anfänglich war das Verhältnis zwischen uns und Massacre nicht das beste, aber mittlerweile hat sich das eingespielt, denn Massacre werden auch erkannt haben, dass unser Stil ein wenig mehr up to date ist als derjenige dieser Powermetal Bands. Nichts gegen Powermetal Bands, aber ich denke, das hat man alles schon 1000 Mal gehört.

Es ist eigentlich nicht typisch, dass ein Drummer die Interviews gibt.

Carsten: Der Markus von Crematory macht das ja auch. Ich gebe schon seit unserem ersten Demo die Interviews. Ich kümmere mich um die Sachen ausserhalb der Band, daher habe ich das einfach mal beibehalten. Sicherlich gebe ich auch Interviews an die anderen Jungs in der Band ab. Aber zur Hauptsache mache ich sie selbst.

Du darfst ja während den Konzerten auch nicht sprechen. So gesehen ist das ok.

Carsten: Genau, aber ich habe ja noch die Background Vocals, haha. Wie gesagt, einen speziellen Grund hat das Ganze eigentlich nicht. Es gibt schliesslich keinen Anlass, den Anderen in der Band irgendwie den Mund zu verbieten .... oh, der Sänger schaut mich jetzt ein bisschen böse an, haha.

Wenn Du an die vergangenen Jahre mit der Band zurückdenkst. Was würdest Du ganz sicher wieder tun und was ganz sicher nicht mehr?

Carsten: Ich würde mir auf jeden Fall wieder genau gleich den Arsch aufreissen wie ich es in der Vergangenheit getan habe, auch wenn mir manchmal die Unterstützung meiner Mitmusiker ein bisschen gefehlt hat. Was ich nicht mehr tun würde, ist, mich teilweise so sehr aufzuregen, wenn gewisse Dinge nicht so laufen, wie ich sie mir vorgestellt habe.


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The Renewal

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