Stormlord - von der Diktatur zum Gruppenerlebnis (Interview, 2001)

Eine symphatische Band braucht einen symphatischen Frontmann. Stormlord haben Cristiano, und dieser glänzt in seiner Rolle. Freundlich, gutgelaunt und auskunftsfreudig hängte sich der Vokalist vor einer längeren Abwesenheit noch schnell mit uns ans Telefon, um über die neusten Entwicklungen bei Stormlord zu berichten, also über die aktuelle MCD, das kommende full-lenght Album sowie die weitere Zukunft der Band. Natürlich wurde auch ein wenig über die Vergangenheit gesprochen, sodass diejenigen unter Euch, die die Band vielleicht noch nicht kennen, einen kleinen Überblick über deren Biografie bekommen, denn Stormlord gibt's immerhin schon ganze 10 Jahre lang ...

Zuerst mal herzliche Gratulation. Ihr habt doch das 10jährige Jubiläum mit Stormlord, oder?

Cristiano: Ja! Vielen Dank!

Ihr habt demnach 1991 angefangen, und zwar als Death Metal Band.

Cristiano: Ja, aber wir waren keine brutale Gore Death Metal Band. Wir hatten damals schon starke, epische Einflüsse, auch wenn sich die mit den heutigen nicht mehr vergleichen lassen, da wir uns zwischenzeitlich stark weiterentwickelt haben. Es waren halt unsere ersten Schritte mit der Band. Wir sind damals noch sehr jung gewesen.

Ihr habt folgendes über Euer erstes Demo geschrieben: "Es ist ausverkauft, aber keiner hat etwas verpasst."

Cristiano: Haha. Ja, da hat wirklich niemand etwas verpasst.

Ich glaube es war 1995, als Ihr mit Fabrizio Cariani einen Keyboarder in die Band geholt habt.

Cristiano: Genau, Ende 1995. Ein Grund dafür war, dass ich begonnen hatte, mit einer anderen Art von Stimme zu singen, einer, mit der ich ein wenig mehr gestalten konnte und welche besser zu unserem neuen Sound passte. Einen Keyboardplayer in die Band zu holen war eine sehr spontane Entscheidung gewesen, denn zu dieser Zeit hatten wir unsere epischen und majestätischen Elemente bereits stark weiterentwickelt.

Ich glaube 1995 war auch ein sehr schwieriges Jahr. Du standest wohl kurz davor, die Band aufzulösen.

Cristiano: Es war wohl das schlimmste Jahr für Stormlord überhaupt. Damals stand es um die italienische Metalszene sehr schlecht. Kein Mensch hat sich für unsere Bands interessiert. Als italienische Band nur schon eine CD zu veröffentlichen war zu diesem Zeitpunkt eine grosse Sache. Es war stressig, immer wieder und wieder weiterzumachen anstatt einfach aufzugeben. Ausserdem kostete es eine Menge, die Band am Leben zu erhalten, alleine schon wegen der Proberaummiete. Von den Gigs blieb ebenso nichts übrig, da wir mit diesem Geld immer nur unsere Reisekosten decken konnten. Auch nach dem zweiten Demo hatten wir noch kein gutes Angebot von einer Plattenfirma bekommen, sodass alle ziemlich demoralisiert waren. Zu dieser Zeit änderte sich das Line-Up sehr stark. Wir hatten keine Zukunftsperspektiven. Irgendwann verliessen die meisten Jungs die Band, und ich stand plötzlich mit einem Drummer, der drei Monate dabei war und einem Keyboarder, der gerade mal vor einem Monat zu uns gestossen war, alleine da. Ich hatte aber niemals die Absicht, die Band aufzulösen. Ich beschloss, weiter dafür zu kämpfen, denn ich wollte nicht einfach die ganzen Jahre wegschmeissen. Mir wurde klar, dass ich Stormlord alleine vorantreiben musste, denn die Leute um mich herum glaubten nicht an die Band. Also komponierte ich alle Songs alleine und suchte mir Musiker, die genau das machten, was ich ihnen sagte. Sie waren zwar allesamt Bandmitglieder aber zur gleichen Zeit dennoch nur Gäste, sodass ich die Funktion eines Diktators einnahm, aber nicht, weil ich das so wollte. Es schien mir einfach nur der einzige Weg zu sein, die Band weiterführen zu können. Irgendwann bekamen wir dann einen Deal mit Metal Horse Productions, sodass wir unsere Debut MCD herausbringen konnten. Danach ging es aufwärts, denn die anderen Bandmitglieder begannen langsam an Stormlord zu glauben. Heute sind wir eine Gruppe mit fünf denkenden Köpfen. Es gibt keinen Diktator mehr.

Dann ist daraus also echtes Teamwork geworden, auch bezüglich des Songwritings?

Cristiano: Ja, absolut! Ich bin nicht mehr der Hauptsongwriter bei Stormlord. Alle komponieren mit. Die Verteilung des Songwritings hängt eigentlich mehr von den aktuellen Gegebenheiten ab. Wenn jemand sich mal ein Jahr lang kaum inspiriert fühlt, so ist das bei Stormlord überhaupt kein Problem, denn ein anderer hat gleichzeitig sehr viele neue Ideen. Ausserdem haben wir alle unsere festen Tätigkeiten in der Band. Simone, unser Keyboardplayer, kann beispielsweise grossartig Songs arrangieren.

Du hast von Simone gesprochen, der Fabrizio vor ungefähr zwei Jahren ersetzt hat. Ich denke, dass er die Melodien ganz im Sinne von Stormlord schreibt. Sie ähneln Fabrizio's Melodien sehr.

Cristiano: Simone ist technisch versierter als Fabrizio, obwohl Fabrizio immer noch ein guter Freund von uns ist. Hätte er nicht Probleme mit seinem Studium bekommen, wäre er sicherlich noch mit dabei. Simone ist eigentlich ein Pianospieler und hat viele Jahre lang Musik studiert. Er bringt viel neues Wissen in die Band ein. Er ist nicht nur ein Keyboardspieler. Er ist auch ein richtiger Songwriter.

Als ich die beiden neuen Songs auf der EP gehört habe, dachte ich: "Ja, das ist genau das, wofür die Stormlord Fans diese Band lieben." Aber was können wir nun denn wirklich von dem neuen full-lenght Album erwarten? Wird es grossartige Veränderungen geben? Wird es ein zweites Supreme Art Of War werden?

Cristiano: Ja, es wird ähnlich und gleichzeitig auch verschieden werden. Ähnlich ist vielleicht das falsche Wort. Das neue Album wird eine Weiterentwicklung von Supreme Art Of War sein. Wir versuchen, alle bisherigen Erfahrungen und Einflüsse zusammenzutragen, um das Beste daraus herauszuholen. Es gibt allerdings schon ein paar Unterschiede zum Vorgängeralbum. Wir werden beispielsweise keine weiblichen Vocals, Flöten, Violinen oder ähnliches mehr verwenden. Die klassischen Instrumente werden thrashigen und schnellen, aggressiveren Gitarrenparts weichen. Gleichzeitig werden wir aber unsere epischen und majestätischen Elemente in Form des Keyboards beibehalten.

Dann stellt sich natürlich die Frage, wann wir es hören können.

Cristiano: In Europa kommt es anfangs November raus, in Japan anfangs Oktober.

Ihr hattet ja diese männlichen Opernstimmen auf der alten Platte. Wurden die von Dir selbst eingesungen?

Cristiano: Nein, das war A.G. Volgar von einer Band namens Deviate Damaen. Er singt auch auf dem neuen Album. Ich denke, Volgar wird Stormlord niemals mehr verlassen dürfen, haha. Seine Stimme ist so aussergewöhnlich! Nicht wie eine normale Powermetalstimme oder wie die meine. Du sagtest es ja schon, eine Art von opernhafter Stimme. Wir mögen ihn total, und wenn er weiterhin als Gast bei Stormlord mitmacht, ist das absolut ok für uns, haha.

Es gibt auch einen kleinen Imagewechsel bei Euch. Auf den neuen Photos tragt Ihr kein Facepaint mehr.

Cristiano: Als wir anfingen, benutzten wir ja noch kein Facepainting, denn da waren wir noch eine Death Metal Band. Es gab einen Zeitraum, in welchem wir Facepaint benutzten, denn Black Metal ist einer unserer stärksten Einflüsse, das wollen wir nicht leugnen. Aber wir sind nun mal keine Black Metal Band. Diese Sache war eigentlich mehr ein Tribute an unsere Einflüsse, an Bands wie Setherial, Marduk oder Darkthrone, die wir sehr mögen. Natürlich verursachte das ein wenig Verwirrung. Leute, die uns nicht kannten und unsere Booklets oder Photos betrachteten, dachten, aha, auf dieser Platte finde ich harten, schnellen und räudigen Black Metal. Dennoch ist unsere Musik natürlich ist eine andere.

Ihr habt jetzt zwei Jahre gebraucht, um eine MCD zu veröffentlichen. Auch eine Labelwechsel gab es zu vermelden. Eine MCD ist wenig für zwei Jahre. War diese Zeit die zweite, schwere Phase für die Band Stormlord?

Cristiano: Ja. Nach der Tour zu Supreme Art Of War fingen unsere Probleme mit Last Episode an, und ich rede hier nicht nur über die wirtschaftlichen Seite. Wir fühlten uns alleine gelassen. Wir schrieben ihnen beispielsweise manchmal von gewissen Ideen, die wir hatten, nur um mal zu hören, was sie darüber denken. Meistens haben sie nicht mal zurückgeschrieben. Aber das ging nicht nur uns so. Wir haben natürlich auch mit anderen Bands von Last Episode geredet. Es hat etwa sechs Monate gedauert, um von Last Episode wegzukommen, weil sie uns nicht gehen lassen wollten und wir verschiedene andere Angebote bekamen, die wir prüfen mussten. Während dieser Zeitspanne war es uns unmöglich, Musik zu schreiben.

Du hast über die Tour gesprochen. Ich glaube, es war diejenige mit Mystic Circle, Graveworm und Suidakra. Ich habe Euch damals in der Konzertfabrik Z7 gesehen ...

Cristiano: Uuuuuuuuuuuuh noooooooooooo! (dieses Entsetzen hättet Ihr hören sollen - Verf.)

... nein, jetzt mal im Ernst. Es war ziemlich lustig. Die Crew hat total verrückt gespielt, ist ständig auf der Bühne herumgerannt, hat ein paar Musiker in Klopapier eingewickelt und allerlei Blödsinn veranstaltet. Eigentlich hatte jeder seinen Spass, ausser Du. Deine Mine war ziemlich versteinert. Ich dachte mir damals: "Was denkt dieser Mensch jetzt wohl gerade?" Nun habe ich die Möglichkeit, Dich direkt zu fragen. Was ging Dir damals durch den Kopf?

Cristiano: Ich fand die ganze Sache damals nicht so lustig. Wir waren die einzigen Italiener auf der ganzen Tour. Sogar die Roadies kamen aus Deutschland. Die haben andauernd Scherze über uns gemacht, und das war auch ok, sogar wir fanden das witzig. Aber irgendwann fühlten wir uns nicht mehr sehr willkommen in dieser Umgebung. Wir hatten nicht wirklich Probleme mit der Crew oder den anderen Bands, aber so richtig wohlgefühlt haben wir uns auf die Dauer auch nicht mehr, da wir uns ein wenig ausgeschlossen vorkamen. Damals habe ich nur an eines gedacht, nämlich die Show so gut es geht über die Bühne bringen zu können. Spässe sind absolut in Ordnung, aber nicht, wenn sie soweit führen, dass Du nicht mehr spielen kannst. Unser Bassist war gar nicht mehr in der Lage, seinen Job zu machen, und wenn ich mich umdrehte, musste ich nachschauen, ob nicht grad einer da war, der mein Mikro klauen wollte.

Du denkst also, es war zuviel des Guten.

Cristiano: Ja. Die Spässe bei Suidakra waren in Ordnung, die waren wirklich witzig. Wie Du Dich vielleicht erinnerst, hat sich bei Mystic Circle das keiner getraut. Als Mystic Circle nämlich sahen, was die Crew mit uns anstellte, sagten sie: "Versucht das bei uns und wir hören sofort auf zu spielen."

Aus dieser Sicht gesehen war das wohl wirklich nicht sehr lustig für Euch, aber ich kann Dir versichern, dass die meisten Leute Stormlord sehr gemocht haben und Graveworm eine ganze Weile brauchten, bis sie eine ähnliche Stimmung erzeugen konnten. Es war nicht leicht, nach Eurer "Show" aufzutreten. Aber nun noch eine andere Sache. Interessanterweise versetzt mich die Stormlord Musik stets in eine euphorische und gute Stimmung, nicht in eine aggressive oder gar düstere. Findest Du es seltsam, dass ich Eure Musik als positiv empfinde?

Cristiano: Nein. Ich würde zwar nicht sagen, dass unsere Lyrics positiv sind, aber unsere Vibrations sind es sicherlich, natürlich in einer aggressiven Ausdrucksform verpackt.

Denk mal an die letzten 10 Jahre von Stormlord zurück. Gibt es da etwas, was Du total anders machen würdest, wenn Du noch mal die Zeit zurückdrehen könntest?

Cristiano: Wahrscheinlich das erste Demo, haha. Aber eigentlich gibt es nichts, was ich total anders machen würde. Selbst aus den Fehlern lernt man, und man wird die gleichen in der Zukunft nicht mehr machen. Wir haben heute Kontakte zu Labels, Vertrieben und Promotern, die wir wohl nicht hätten, wenn wir damals unsere Fehler eben nicht gemacht hätten.

Nun, dann hoffe ich, Euch bald mal wieder in der Schweiz zu sehen.

Cristiano: Das hoffen wir auch. Schon alleine deswegen, um die Möglichkeit zu bekommen, mal ein normales Konzert bei Euch zu spielen. Es war unser einziger Gig in der Schweiz, und wir wollen eigentlich nicht dieses absurde Bild von uns in Euren Erinnerungen belassen.


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