Ekpyrosis - Im Gespräch mit dem anonymen Avantgardisten (Interview, 2012)

Ekpyrosis ist nach wie vor ein Geheimtipp. Hinter der Band, die in ihrer wenn auch geringen Bekanntheit vor allem durch das letzte Release "Ein ewiges Bild" bei Zeitgeister Records auf sich aufmerksam machte, steckt eine einzige Person. Das ist nichts besonderes; ist die sogenannte Szene nicht mittlerweile schier überschwemmt von Solokünstlern. Was Ekpyrosis dabei aber speziell und besonders macht, sind vor allem zwei Dinge: Zum einen der stark avantgardistische Touch des Projektes, zum anderen die völlige Anonymität der Person hinter den Texten und Instrumenten. Auf meine damals eröffnende Frage an den Verantwortlichen bei Zeitgeister Records, wie ich den Musiker im via Mailaustausch stattfindenden Interview denn ansprechen könne, fiel die Antwort bezeichnend aus: "Du".
Im Verlauf des Gespräches mit Ekpyrosis wurde mir eines klar - da draussen gibt es tatsächlich noch Musiker, die Wert auf ihr Schaffen legen und nicht auf ihr Image. Eine interessante Unterhaltung über das Spannungsverhältnis zwischen Image und Individuum, über die Bedeutung der eigenen Musik für den Musiker selbst und über das Kreieren von Kunst als spontanen Akt des Geistes.

Ekpyrosis

Moin! Ein Blick in die Booklets deiner bisherigen Schaffenswerke "Mensch aus Gold" und "Ein ewiges Bild" dürften den einen oder anderen Besitzer dieser Platten verwirrt haben. Nicht nur aufgrund der Lyrics deiner Songs (darauf kommen wir sicherlich nochmal zurück) - vorwiegend wohl wegen der Anonymität des Projektes Ekpyrosis. Was veranlasst dich zu der Bemühung, möglichst wenige Informationen über dich preiszugeben?

Ekpyrosis: Das hat viele Gründe. Der wichtigste ist aber, dass ich nicht von dem ablenken will, was ich ausdrücken möchte. Der jeweilige Querkopf, der sich Ekpyrosis reinzieht, soll etwas schlichtes und gradliniges bekommen. Ohne unnötige Hintergrundinformationen. Es tut einfach nichts zur Sache, wer da schreddert, haut und brüllt. Selbst wenn ich etwas dazu sagen würde, was könnte ich schon wirklich damit vermitteln? Willst du die genauen Körpermasse deiner Freundin kennen, oder reicht es dir, dass Sie dir gefällt? Ganz davon abgesehen mache ich meine Sache gerne etwas anders als es die meisten es tun.

Wenn man den Metal Archives Glauben schenken kann, liegen die Wurzeln von Ekpyrosis in Bonn. Kam dein Deal mit Zeitgeister Music (ebenfalls in Bonn ansässig) also zustande, weil du Florian eventuell persönlich kennst? Wenn ja, bist du auf ihn zugegangen, oder andersrum?

Ekpyrosis: Ja, ich kenne die Leute von Zeitgeister persönlich. Sonst wäre der Deal nie zustande gekommen. Wie du vielleicht weisst, veröffentlichen die sowieso nichts, zu deren Machern sie keinen persönlichen Bezug haben. Das ist eine gute Sache und hat mit dem üblichen Labelmist nichts zu tun. Ich kann behaupten, dass Zeitgeister an dem Begriff "Kunst" wesentlich näher dran sind, als viele andere, die Musik veröffentlichen. Wir sind beide aufeinander zugegangen. Mit grossem Respekt und viel Liebe zu unserer Sache.

Hast du neben deinem Soloprojekt, um das es hier geht, bereits an anderen musikalischen Formationen mitgewirkt? Oder betätigst du dich eventuell noch auf anderen Schaffensgebieten kreativ?

Ekpyrosis: Ja, ich habe schon in einigen Formationen gespielt und habe auch zur Zeit neben Ekpyrosis anderes am Laufen. Und ja, kreativ bin ich eigentlich ständig – auf diversen Gebieten.

Die Argumente, mit denen du deine Anonymität begründest, leuchten natürlich ein - und es soll in diesem Interview keinesfalls darum gehen, diese zu lüften oder zu lockern. Dennnoch vertrittst du mit deiner Einstellung eine Minderheit in der Musikwelt (betreffend Metal fallen mir spontan nur Bergthron ein, die ihre Identität möglichst geheimhalten wollen). Du möchtest den Rezipienten deiner Musik also nicht durch "Belangloses" ablenken; ihm ermöglichen, sich allein mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Was ist dieses Wesentliche, die Essenz deiner Musik? Wen möchtest du damit erreichen, was möchtest du im Hörer auslösen?

Ekpyrosis: Ich will niemanden bestimmten erreichen. Ich freue und wundere mich immer wieder, wenn ich mitbekomme, dass jemandem meine Musik und meine Texte gefallen. Ich lege es ja nicht gerade darauf an. Mir fällt es immer etwas schwer, mir vorzustellen, dass Leute, die ich nicht persönlich kenne, meine Musik hören. Ich mach das alles in erster Linie für mich selbst. Dass die beiden Ekpyrosis Alben überhaupt veröffentlicht wurden, lag eher daran, dass wichtige Menschen in meinem Leben mich dazu ermutigt haben. Ich habe nie auch nur ein einziges Demo verschickt. Das hat sich alles wie von selbst ergeben. Die richtigen Leute haben sich zur richtigen Zeit für mich engagiert. Ich will nicht an meine Hörer denken, wenn ich Musik mache. Das macht für mich keinen Sinn.

Erläutere in diesem Zusammenhang doch mal, welche Rolle deiner Meinung nach das Image eines Künstlers spielt. Führt die Trennung der persönlichen Identität von der Künstleridentität nicht zu einer Divergenz, die dem Konsumenten des Kunstwerkes einige Interpretationsmöglichkeiten des selbigen verschliessen? Immerhin steht hinter dem Geschaffenen immer ein Schaffer. Oder ist bereits die alleinige Wahrnehmung des Kunstwerkes ausreichend; ist ein reines Erleben von Kunst, dass sich der Diskursität entzieht (ähnlich des buddhistischen Grundsatzes, dass Wahrheit nicht diskursiv erfasst werden kann), deiner Erfahrung nach möglich?

Ekpyrosis: Ich bin der Beweis dafür, dass das alles geht. Die meisten Leute entscheiden anhand der Musik, ob ihnen eine Band gefällt. Wem Ekpyrosis zu dubios ist, obwohl er die Mucke eigentlich gut findet, soll es eben lassen. Je mehr eine Band in ihr Image investiert, umso lächerlicher wird es. Ich lass es ganz, die Kuh hat 'nen Schwanz.

Nun, die Investition in ein Nicht-Image erzeugt am Ende natürlich auch ein Image. Aber Schluss der Haarspalterei, ich denke, dein Standpunkt ist deutlich geworden. Wenn du deine Musik hauptsächlich für dich selbst schreibst und einspielst - welche Bedeutung schreibst du deinem Schreiben dann zu? Welchen Effekt hat deine eigene Musik auf dich; was gedenkst du für dich selbst durch sie zu erreichen?

Ekpyrosis: "Schreiben" kann man das eigentlich nicht nennen. Ich nehme ziemlich schnell auf, ohne etwas vorbereitet zu haben. Riffs entstehen kurz bevor sie aufgenommen werden, über Songstrukturen mache ich mir so gut wie gar keine Gedanken. Mich interessiert, was passiert, wenn ich es einfach fliessen lasse. Planen heisst denken und überprüfen. Ich will weder das eine noch das andere. Das ist das Gegenteil von dem was man "intelligent gemachte Musik nennt". Meine Stücke wachsen, während ich spiele und aufnehme. Ich höre mir meine eigene Musik sehr selten an. Was ich für mich erreichen will? Keine Ahnung.

Kommen wir zu der Lyrik, die deine bisherigen Alben "Mensch aus Gold" und "Ein ewiges Bild" auszeichnet. Was ist dabei zuerst dagewesen, die Texte, oder die Musik?

Ekpyrosis: Die Musik.

Ich persönlich interpretiere deine Schriften zu "Mensch aus Gold" als die holprige Reise eines Individuums, die ihn über den Pfad der Erkenntnis letztlich zu einem Wesen macht, dass die Schönheit der Welt pragmatisch feststellt; einen Gott nicht in der überpersonalen Transzendenz findet, sondern in der Natur. Liegt diese Reise noch vor dir, oder kann man dieses Album als Reisebericht verstehen?

Ekpyrosis: Es ist Rückblick und Ausblick zugleich. Ein Versuch, etwas zu erklären, das ich nicht begreifen kann. Das Thema meiner Texte ist der Grund dafür, dass ich Musik mache.

Zwei Motive, die auf deinen bisherigen Alben wiederholt auftauchen, sind die des Waldes und des Himmels. Kannst du uns aufklären, in welchem Verhältnis du zu diesen beiden Orten stehst?

Ekpyrosis: Das letzte, was ich sehen will, ist ein Himmel über mir. Ich bin gern im Wald unterwegs.

Wie schaut es mit den Artworks deiner bisherigen Alben aus? Hast du diese ebenfalls auf eigene Faust erstellt?

Ekpyrosis: Die Fotos, die auf beiden Platten zu sehen sind, habe ich aufgenommen. Das sind Motive von hoher Bedeutung für mich; alle schon etwas älter. Das Design der CDs hat ein befreundeter Grafiker gemacht. Ich habe ihm erklärt, was ich will und er hat es angemessen umgesetzt.

Bei Facebook konnte man kürzlich lesen, dass bei Ekpyrosis ein neues Album in Arbeit ist. Wenn deine Musik und deine Texte spontan entstehen, gibt es dann so etwas wie eine Laune, aus der heraus du dich hinsetzt und anfängst zu spielen? Wenn das der Fall ist, wie könnte man diese Laune in Worte fassen?

Ekpyrosis: So ist es. Das neue Album ist fast fertig aufgenommen. Es fehlen nur noch die Vocals und die Texte. Vielleicht entstehen die Texte erst, wenn die Aufnahme läuft, mal sehen. Und ja, sicher, es gibt eine solche Laune. Ich kann das aber nicht beschreiben. Meistens kommt sie im tiefen Winter oder hohen Sommer, wenn alles andere im Leben etwas zur Ruhe kommt.

Kannst du trotz dieser Spontaneität vielleicht schon vorab umreissen, was den Hörer bei deiner kommenden Veröffentlichung erwarten wird?

Ekpyrosis: Gerade jetzt, wo ich das hier schreibe, bin ich kurz davor meine Sachen zu packen und mich zur Aufnahme der Vocals an einen bestimmen Ort zu verziehen. Ich habe so das Gefühl, dass das neue Album Ähnlichkeit mit "Ein Ewiges Bild" haben wird, aber auch wieder etwas an "Mensch Aus Gold" erinnern könnte. Das ist wirklich schwer zu sagen. Ich weiss noch nicht einmal, ob es ein gutes Album wird. Aber ich freue mich auf die kommende Aufnahmesession, das ist das Wichtigste. Was ich aber sicher weiss ist, dass der Sound der Platte anders wird, als bei den beiden letzten Platten. Ich mag den Sound von EEB sehr, wir haben es diesmal aber alles anders gemacht. Hat sich so ergeben. Christian Kolf von Valborg und Gruenewald usw. hat mich vor einiger Zeit besucht und ich habe ihm etwas von der neuen Platte vorgespielt. Er meinte "klingt nach einen guten dritten Album" – was will ich mehr?

Die letzten Worte mögen dir gehören. Teile der Welt mit, was immer du möchtest.

Ekpyrosis: Ich danke dir, Fritz, für dein Interesse und deine Geduld. Was ich der Welt mitteilen will? Schön wär's, wenn ich der Welt etwas mitteilen könnte. Aber das hier werden nur ein paar liebenswürdige Exzentriker lesen. Aber an diese Leute, jeden einzelnen von euch: Egal ob ihr meine Musik runterladet oder kauft. Ich hoffe, ich kann euch etwas geben. Ekpyrosis ist für die, deren Liebe und deren Hass zu gross sind. Für die, die am liebsten töten würden, es aber nie könnten. Für die, die der Welt am liebsten permanent 'nen Vogel zeigen würden. Ich wünsche euch Liebe und Kraft und dass sich eure Feinde selbst vernichten.

Danke, ich kann dir selbiges nur zurück geben! Ich wünsche dir weiterhin ein frohes Schaffen, auf dass du alle Hindernisse auf deinen Pfaden beseitigen und die Welt weiterhin mit deinen musikalischen Ergüssen erfreuen mögest!


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