Crematory - Ehrlichkeit zahlt sich immer aus (Interview, 2001)

Crematory verlassen die Bretter, die bekanntlich die Welt bedeuten, das allerdings nicht ganz ohne Frustration über immer weniger Konzertbesucher, die mangelnde Unterstützung durch die Medien und die fehlende Wertschätzung von deutschen Bands bei den Labels. Dennoch verabschieden sich Crematory natürlich auch mit viel Wehmut von ihren langjährigen, treuen Fans und dem, was sie immer am liebsten getan haben, nämlich live zu spielen.

Markus über gute und schlechte Zeiten, die persönliche Zukunft der Gothic Metaller und den wichtigsten Crematory Song aller Zeiten, Tears Of Time.

Als ich noch vor einigen Monaten mit Harald über Believe gesprochen habe, hat sich bezüglich Crematory eigentlich alles noch ganz positiv angehört. Als Aussenstehender hat einen die Nachricht der Auflösung doch ein wenig unvorbereitet getroffen. Habt Ihr darüber schon länger nachgedacht, ich meine, mit Crematory aufzuhören?

Markus: Nein, für uns kam diese Entscheidung auch überraschend. Was Harald über Believe gesagt hat, war durchaus richtig. Mit Believe hatten wir den höchsten Chartentry und die besten Verkaufszahlen bis dato. Das Problem war die extrem rückläufige Anzahl der Konzertbesucher. Bei den letzten drei Tourneen mussten wir sehr viel Geld drauflegen, und vom Drauflegen kann man nicht lange leben. Wir lieben es aber, live zu spielen und hassen es, im Studio zu sein. Also haben wir uns gesagt, dass wir mal abwarten werden, wie die 10 Years Anniversary Tour läuft. Wir haben’s also im Februar dieses Jahres nochmals gewagt, aber leider endete diese Tour ebenso in einem Debakel. Danach mussten wir sagen: "Ok, es geht einfach nicht mehr."

Glaubst Du vielleicht, dass es auch daran liegt, dass selbst in kleinen Ländern wie der Schweiz mittlerweile das Angebot an Livekonzerten relativ gross geworden ist?

Markus: Nun, auf unserer letzten Tour haben wir vor allem festgestellt, dass wir ein ziemlich altes Fanpublikum haben, was auch schön ist, weil man sieht, wie die Leute mit einem alt geworden sind und dass wir treue Fans haben. Das Durchschnittsalter liegt wohl um die 30. Uns fehlt der Nachwuchs. Es geht uns Gott sei Dank nicht alleine so. Auch viele andere Bands mussten ihre Tourneen mangels Konzertbesuchern und aufgrund schlechter Vorverkaufszahlen absagen oder abbrechen. Die Kids von heute stehen halt mehr auf Techno und Rave, oder wenn sie härtere Musik mögen, eher auf New Metal wie Korn, Papa Roach etc. Ich verstehe das auch. Crematory gibt’s mittlerweile seit 10 Jahren, und wir haben fast jedes Jahr getourt. Ich würde mir auch keine Band sieben Mal anschauen. Es ist halt viel interessanter für die Leute, wenn dann mal eine neue Band wie beispielsweise Nightwish oder HIM kommt, Bands, die eben noch nie hier waren. Es hat auch niemand das Geld, um sich vier Konzerte im Monat reinzuziehen. Dafür muss man Verständnis haben, und das haben wir auch. Aber eine Band lebt zu zwei Dritteln vom Livegeschäft und zu einem Drittel von den Plattenverkäufen, und wenn plötzlich zwei Drittel wegfallen, dann geht’s nicht mehr.

Das war wohl auch der Grund, warum die Abschiedstournee mittlerweile abgesagt worden ist.

Markus: Die war nie geplant.

Dann war das wohl mehr ein Gerücht.

Markus: Nach der letzten Tour haben wir uns entschieden, dass wir aufhören und noch diese Remind-Geschichte durchziehen würden, in erster Linie für uns selbst, in zweiter Linie natürlich auch für die Fans. Aber ich wollte Remind auch für mich haben. Als ich die Auflösung im April bekannt gegeben habe, kamen plötzlich Live-Angebote ohne Ende. Aber das wollten wir dann doch nicht mehr machen. Das wäre zu sehr ausverkaufsmässig gewesen. Also sagten wir uns, dass wir noch 10 Konzerte respektive Festivals spielen würden.

In Eurer ausführlichen Erklärung zur Auflösung findet man ja auch ein paar Sätze, die sich ein wenig verbittert anhören. Da ist zum Beispiel von mangelnder Unterstützung durch Fernseh- und Radiokanäle oder grosse Zeitschriften die Rede. Es scheint hier also auch eine gewisse Verbitterung gegenüber den Medien mit von der Partie zu sein.

Markus: Ja klar. Nun gut, das mit den Zeitschriften in der Metalszene hat sich nach Awake erledigt. Das Hauptproblem ist einfach, dass alle nach England, Amerika oder Skandinavien schauen. Als deutsche Band bist Du erstmal nur zweitklassig, auch wenn Du genauso gute Musik machst. Das kriegst Du übrigens auch von den Plattenfirmen zu spüren. Was mich aber am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass wir eigentlich richtig gute und teure Videoclips gemacht haben, von Fernsehstationen wie Viva oder MTV aber von vorneherein abgelehnt wurden, weil sie sagten: "Jemanden mit einem Namen wie Crematory können wir gar nicht spielen". Diese Aussage kam, bevor sie überhaupt die Videoclips gesehen hatten. Crematory höre sich zu böse an, meinten sie, vor allem, wenn man eine deutsche Band ist, wegen der ganzen Nazikacke und sowas. Und wenn sie sich die Videos dann doch mal angeschaut haben, und Felix plötzlich zu growlen anfing ... na ja, dann war’s ganz aus. Dann dieser Witz mit der Echo Verleihung! Nationaler Rock Metal Act. Was für ein Scheiss. Soulfly, Nightwish, Hammerfall. Da frag ich mich, was daran national ist! Auch in Sachen Förderung läuft nicht viel. Von unseren guten Freunden Moonspell weiss ich beispielsweise, dass die sogar vom Kulturminister Portugals Geld als Unterstützung bekommen, mal abgesehen von Skandinavien, das seine Musiker sowieso fördert. Bei uns wirst Du allerdings als assozialer Strassenmusiker abgestempelt.

Wenn man jetzt nun geht, geht man da trotz des ganzen Frustes dennoch mit einem weinenden und einem lachenden Auge? Im Moment habt Ihr sicherlich die Schnauze ein wenig voll. Aber kommt nicht auch bereits eine gewisse Wehmut bei Euch auf?

Markus: Ja. Trotz der Schelte von der Presse haben wir immer viele CD’s verkauft. Wir hatten und haben eine super Fangemeinde. Alles war eigentlich prima, und als wir jetzt das ganze Wochenende über auf dem Full Force Festival gewesen waren, hat uns natürlich jeder gefragt, wann denn die Reunion Tour käme etc. Na ja, auf jedem Fall sind wir fast gleichzeitig mit Judas Priest aufgetreten. Unser Zelt war gestossen voll. Vor der Hauptbühne, also bei Judas Priest, war praktisch keine Sau. Der Matthias singt ja zum Schluss immer den Song Perils Of The Wind. Wir stehen dann immmer hinter der Backline und lassen ihn das alleine singen. Anschliessend kommen wir raus und verabschieden uns. Dieses Mal haben einige Leute vor der Bühne geweint, und das berührt Dich dann schon sehr. Es haben sogar welche von uns mitgeweint, haha. Dir wird halt plötzlich klar, dass es jetzt langsam zu Ende geht. Dadurch haben wir jede Sekunde auf der Bühne doppelt so intensiv genossen wie die ganzen Jahre zuvor.

Was werdet Ihr denn jetzt machen? Um einen gescheiten Beruf zu erlernen seid Ihr ja mittlerweile schon ein bisschen zu alt.

Markus: Höhö, ja Gott sei Dank haben wir alle etwas Richtiges gelernt. Wir haben erst angefangen, professionell zu werden, nachdem jeder die Ausbildung beendet hatte. Wir schauen uns jetzt langsam um. Felix arbeitet in einem Platten- und in einem Piercingladen, das ist halt seine Welt. Der Harald ist Schreiner, Matze Elektriker und ich Versicherungskaufmann. Daher liegen uns auch schon lukrative Angebote vor.

Du hast ja schon seit längerer Zeit ein Standbein im Musikbereich. Ich spreche da von der Band Century, für die Du die Songs schreibst und die Du auch produzierst. Von Dir wird man daher wahrscheinlich eh bald wieder etwas hören.

Markus: Nun, die Batterie ist jetzt erst mal leer und muss neu geladen werden. 10 Alben in 10 Jahren zu veröffentlichen und viel auf Tour zu sein, Century und mein Managment, dass ich habe, zwischendurch zu betreuen, das zehrt schon sehr. Ich möchte jetzt erst mal Abstand gewinnen, mir Zeit nehmen, meine berufliche Laufbahn einfädeln und mich auf mein Privatleben konzentrieren, um vielleicht in ein oder zwei Jahren wieder etwas zu machen. Klar, vielleicht ergibt sich mit Century früher etwas. Aber mit Century habe ich keinen Druck. Von denen erwartet niemand etwas. Ich kann mir dort Zeit nehmen und machen und tun, wie ich gerade Lust und Zeit habe.

Ihr seid 10 Jahre aktuell geblieben, wo viele Bands es kaum schaffen, zwei oder drei Jahre im Gespräch zu sein. Woran glaubst Du, hat das gelegen?

Markus: Da müsstest Du die Fans fragen, weil die haben unsere Platten verkauft. Wir haben einfach immer nur das gemacht, wonach wir Lust hatten und was wir konnten. Dies haben wir versucht zu perfektionieren, und Gott sei Dank fanden unsere Platten immer Anklang bei den Leuten. Es hätte auch anders laufen können. Wir haben wohl stets den Nerv der Zeit getroffen.

Und dabei seid Ihr immer Crematory geblieben, ohne Euch bis zur Unkenntlichkeit zu verändern.

Markus: Wir können auch nichts anderes, haha. Wir haben’s auch nie probiert. Die Linie war spätestens nach dem Illusions Album klar. Das war das, was wir machen wollten und uns auch gefallen hat.

Was wäre denn aus Dir geworden, wenn Dich Crematory damals nicht genommen hätten?

Markus: Ich habe Crematory gegründet, haha. Aber ansonsten wäre aus mir wohl ein Versicherungskaufmann geworden, wie mein Vater, der das schon seit 25 Jahren macht.

Wenn Dich in 10 Jahren ein Jungspund fragt, in welcher Band Du gespielt hättest, und er wüsste nicht, wer Crematory gewesen wäre, was für einen Song würdest Du ihm dann vorspielen, um ihm Crematory vorzustellen?

Markus: Tears Of Time.

Tears Of Time ist also nicht nur der Lieblingssong der Fangemeinde sondern auch einer der Band.

Markus: Ja klar. Vor allem bedeutet dieser Song sehr viel für mich, weil das der Titel respektive die Platte war, womit wir den Durchbruch geschaft haben. Deswegen ist Tears Of Time für mich der wichtigste Song, den Crematory je hatten. Ausserdem würde das wohl auch der einzigste Song sein, den er vielleicht noch kennt, haha.

Was war denn der bewegendste Moment in Deinem Crematory Leben?

Markus: Sehr bewegend war natürlich, den ersten Plattenvertrag zu kriegen. Das war DER Wunsch überhaupt. Auch das erste Mal in den Charts zu sein war sehr, sehr bewegend, vor allem, weil das keiner von uns erwartet hätte.

Und welches war der ärgerlichste Moment, an dem Du am liebsten alles hingeschmissen hättest?

Markus: Damals, als der Stress mit unserem ehemaligen Gitarristen begann und wir uns von Lotte trennen mussten. Das hat mir besonders leid getan, denn er war ein sehr guter Freund. Wir hatten über die Jahre sehr viel miteinander erlebt, aber leider entwickelte sich Lotte völlig anders weiter als der Rest der Band, und es hätte keinen Sinn mehr gemacht, weiterhin zusammenzubleiben.

Welches war der peinlichste Moment?

Markus: Also wir mussten mal den Song Dreams abbrechen, weil wir uns komplett verspielt hatten, was uns noch nie passiert war. Das war schon ziemlich peinlich, obwohl Felix den Ausrutscher mit "das war die Singleversion" sehr gut gekontert hatte, haha.

Ihr habt mit Crematory viel erreicht. Gibt es trotzdem noch einen grossen der Traum, der unerreicht geblieben ist?

Markus: Ja. Dadurch, dass wir mit Crematory so weit gekommen sind, entwickelte sich natürlich der Traum, eines Tages einen Stellenwert wie beispielsweise Metallica zu bekommen. Das wäre dann der zweite grosse Traum gewesen, nach demjenigen mit dem Plattenvertrag. Wir haben leider auch nie die Chance für eine vernünftige Supporttour bekommen.

Ich glaube, Du hast mal gesagt, Du würdest unbedingt mal ins Vorprogramm von Metallica wollen.

Markus: Ja, das wäre mein Traum gewesen! Zu Zeiten des schwarzen Albums. So eine Chance haben wir aber leider nie bekommen.

Was würdest Du mit all Deinen Erfahrungen einer jungen Band von heute mitgeben, wenn’s mal so richtig losgeht, beispielsweise mit dem ersten Plattenvertrag?

Markus: Immer ehrlich sein. Ehrlich zu sich selbst und ehrlich zu den Fans, egal ob es gut ankommt oder nicht. Aber Ehrlichkeit, so denke ich jedenfalls, zahlt sich immer aus. Darum haben wir auch offen erklärt, warum wir Crematory auflösen, dass eben der Nachwuchs und das Geld fehlt, auch wenn einigen Leuten diese Antworten sicherlich nicht gefallen werden. Unsere Entscheidung war eine Entscheidung des Kopfes, nicht eine des Herzens. Es ist wie beim Fussball. Irgendwann musst Du vernünftig sein, das Ganze realistisch sehen und Dir einfach eingestehen, dass Deine Zeit vorbei ist.


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The Renewal

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