Eisregen - Geschichten aus dem Leichenlager (Interview, 2000)

Eisregen sind wieder da. Leichenlager heisst ihr neues Album, Micha Roth der Sänger und Texter. Dieser rief doch neulich bei the renewal an, um für das letzte Album grade zu stehen. Die Leute um die deutsche Extrem Metal Band haben nach Zerfall und Krebskolonie abermals weder textliche Greueltaten noch musikalische Seitensprünge gescheut, um der Metal Hörerschaft ein weiteres, aussergewöhnliches Werk zu präsentieren. Sicher, die Einen werden wieder mal Hals über Kopf in den Plattenladen stürzen, um sich Leichenlager zu besorgen, während die Anderen sich direkt an den letzteren fassen, nachdem sie ihn voller Unverständnis geschüttelt haben, und das wohlgemerkt nicht, um ihn zu bangen, ... äh den Kopf mein ich (ja, hauptsache Du weisst noch, wovon Du sprichst - Anm. d. Red.). Egal. Man kann von Eisregen halten, was man will. Musikalisch hat sich die Formation sicherlich und unbestritten weiterentwickelt. Textlich wird mal wieder in die Vollen gegangen, und man fragt sich natürlich automatisch, was mit den Leuten, in diesem Falle ganz speziell mit Herr Roth, nicht stimmt? Ist er ein Verrückter, ein Mann ohne Wertvorstellungen, Tabus und Respekt, ein selbstüberzeugter Philosoph, welcher der Menschheit die hässliche Seite ihres Spiegelbildes vorhalten will? Nein, ist er offensichtlich nicht. Wie ihr dem Interview entnehmen könnt, ist der Sänger und Texter von Eisregen ein sehr mitteilsamer und freundlicher Mensch, der vielleicht ab und zu ein bisschen zu viel Horrorfilme guckt, sich aber schon was dabei denkt, wenn er die Lyrics für Eisregen schreibt und sich sogar dafür entschuldigt, dass er 5 Minuten zu spät anruft, weil er Unpünktlichkeit selbst hasst. Noch Fragen? the renewal hatte noch welche, und Micha Roth hat sie uns beantwortet.

Hallo Micha! Vor 10 Minuten etwa hat ein kalter Schneeregen eingesetzt. Netter Promotioneffekt, wirklich!

Micha: Haha. Klar, hat Last Episode extra organisiert. Eine schweineteure Angelegenheit, kann ich Dir sagen!

Stark, bin beeindruckt! Sprechen wir über Leichenlager, das mittlerweile 3. Album von Euch, mal abgesehen von der Mini CD Fleischfestival natürlich. Wie war das, als Ihr angefangen habt? Habt Ihr da geglaubt, dass Ihr mal so weit kommen würdet? Das Konzept 'Metal mit überextremen, deutschen Texten' hätte ja auch ein Schuss in den Ofen werden können, oder?

Micha: Das kam eigentlich auch etwas überraschend für uns. Den Deal mit Last Episode kriegten wir 1997. Im April haben wir dann nach einer Single das Debutalbum herausgebracht. Da lieft die ganze Sache noch relativ ruhig an. Wir bekamen ein paar gute Kritiken, aber auch viele Vorwürfe ...

Wohl wegen den Texten, oder?

Micha: Ja klar. Die Texte werden von den Magazinen eigentlich immer recht unterschiedlich beurteilt. Aber damit haben wir uns mittlerweile abgefunden. Last Episode wollten dann, dass wir bald ein zweites Album machen. Wir fingen bald wieder mit dem Songwriting an. Danach ging eigentlich alles ganz gut los. Nach Zerfall hatten wir vielleicht 4 oder 5 Interviews, nach Krebskolonie waren es dann schon zwischen 40 und 50. Jetzt hat sich das alles noch ein wenig gesteigert. Dass es so gut für uns laufen würde, damit hat eigentlich keiner von uns gerechnet. Es kam schon ein wenig überraschend.

Leichenlager behält die typischen Trademarks von Eisregen bei, wirkt kalt und aggressiv, beinhaltet aber auch sehr viel atmosphärische und melodiöse Passagen.

Micha: Ich denke, dass dies eine ziemlich natürliche Sache ist. Wir haben viel Live gespielt. Unser neuer Bassist ist ausserdem sehr versiert in Bezug auf Kompositionen, was natürlich auch viel gebracht hat. Wir wollten nicht einfach Krebskolonie wiederholen. Leichenlager sollte schon einen erkennbare Weiterentwicklung aufzeigen. Das neue Material hat sich dafür angeboten, mit mehr Melodien zu arbeiten. Als Erstes steht bei uns eigentlich immer der Text. Dann sehen wir zu, dass die akustische Umsetzung dazu passt. Klar, wenn Du viele Lieder geschrieben hast, bekommst Du auch irgendwann eine gewisse Fingerfertigkeit in Bezug auf das Songwriting.

Zu den Texte gleich eine Frage. Sie gehen sicher an die Grenzen des Extremen. Für viele Leute sind sie einfach nur geschmacklos und pervers. Die Frage ist dann halt, wie der einzelne Hörer das für sich selbst beurteilt. Mich würde es interessieren, ob es für Dich eine persönliche Grenze gibt, wo Du sagst 'Nein, sowas schreib ich nicht oder soweit gehe ich nicht'.

Micha: Ich achte schon darauf, dass ich die Lyrics immer ein wenig fiktiv anlege. Sicherlich, auf der Leichenlager sind auch zwei drei Texte dabei, die etwas realer zu sehen sind. Aber grundsätzlich möchte ich eigentlich eine Geschichte erzählen, die mir selbst interessant erscheint. Ich überlege mir schon im Vorneherein, wie weit ich damit gehen kann und entscheide anschliessend für mich selbst, ob das in Bezug auf meine eigenen Tabugrenzen in Ordnung geht. Ich würde kein Texte machen, die zu real sind oder die gewisse Leute zu sehr angreifen respektive verletzen würden. Wie gesagt, ich versuche immer, ein bisschen Fiktion reinzubringen, basierend auf Horrorliteratur beispielsweise. Ich würde niemals über Themen wie Kindesmisshandlung oder sowas schreiben, weil mir sowas auch persönlich zu nahe ginge.

Auf Leichenlager gefällt mir der Song Und sie blutete einen Sommer lang ganz besonders. Ich habe ihn mir sicherlich 20 Mal angehört. Nur denke ich anschliessend schon manchmal darüber nach, ob es Dir, wenn Du diese Texte singst, nicht manchmal selbst etwas komisch vorkommt, wenn Du feststellst, was Du da alles so geschrieben hast. Fiktion oder nicht. Es ist trotzdem ein Teil Deiner persönlichen Phantasie.

Micha: Ach überhaupt nicht. Die Texte beinhalten auch immer eine schwarzhumorige Seite. Daher überspitzt man natürlich einige Formulierungen auch ganz bewusst. Das ist teilweise sicherlich auch beabsichtigt, weil sich gewisse Leute dann immer so drüber aufregen können. Und diese seltsame Sexgeschichte fand ich eben interessant. Ich gehe natürlich auch ein wenig davon aus, dass die Leute die humorige Seite aus den Texten heraushören.

Eure Black Metal Schlagseite kommt sicherlich mal durch Deine Vocals zustande. Ihr habt auch einige Blastparts in Euren Songs, die allerdings eher zurückhaltend produziert sind. Auf der anderen Seite hört man in Euren Titeln auch eine Violine und synthetische Sounds. Bei Salz der Erde habt Ihr sogar einen astreinen Ska-Einsatz eingebaut. Dieser Ska-Einsatz beispielsweise, war das ein kleiner Sidekick an die manchmal etwas überernste Black Metal Szene oder einfach nur Spontanität?

Micha: Wir versuchen schon, die Basis unserer Songs im Black und Death Metal anzusiedeln. Aber wenn man selbst Musik macht, möchte man sich nicht zu sehr einengen lassen. Die Ska-Gitarren waren eine sehr spontane Angelegenheit. Die waren gar nicht geplant. Das war auch beim Mittelteil mit der Geige der Fall. Wenn uns bei den Aufnahmen etwas nicht gefällt, dann lassen wir es einfach weg. Aber wenn wir etwas Spezielles reinnehmen, dann stehen wir auch 100% dahinter. Wir sehen das auch nicht ganz so eng. Wenn da mal ein paar andere Elemente reinkommen, wirkt das doch gleichzeitig ein wenig auflockernd.

Ehm, ich höre Kinderstimmen im Hintergrund. Bist Du Vater?

Micha: Ja! Er ist 3 Jahre alt und hat den schönen Namen Damien.

Damien? Wie in Das Omen? Du scheinst ein Fan der alten Horrorklassiker zu sein.

Micha: Ja genau. Das ist eine Passion von mir. Man merkt das wohl auch irgendwie an meinen bösen Texten haha.

Stimmt! Was hörst Du Dir denn so privat an?

Micha: Ich persönlich mag die ganz extremen Sachen, v.a. die Amischiene wie beispielsweise Suffocation oder Malevolent Creation, höre mir aber auch einige andere Musikrichtungen an. Die anderen Musiker von Eisregen sind allerdings weitaus aufgeschlossener als ich, was andere Stilrichtungen betrifft. Das reicht von Heavy Metal bis hin zu Dark Wave.

Was bedeutet Eisregen für Euch? Kunst? Die Möglichkeit, Eure dunkle Seite auszuleben?

Micha: Eisregen ist sicherlich ein ganz wichtiger Punkt in unserem Leben. Alle Beteiligten stecken so viel Zeit rein, dass es schon bedeutend mehr ist als nur ein Hobby. Ich definiere Kunst als die Verwirklichung eigener Ideen, und ich denke, dass es für einige Leute schon Kunst ist, was wir da machen.

Ihr seid auch schon mehrfach auf Tour gewesen, u.a. mit Mystic Circle. Sicherlich fühlt Ihr Euch wohl, wenn Ihr mit Death und Black Metal Bands auftreten könnt, aber limitiert seid Ihr in dieser Beziehung nicht. Ihr könntet sicherlich auch mit Bands anderer Stilarten spielen. Hattet Ihr denn schon die Möglichkeit, mit anderen Gruppen und vor anderem Publikum aufzutreten?

Micha: Im Januar haben wir eine kleine Headlinertour gemacht, die aus 8 Dates bestand. Es gab Probleme mit den Auftritten der ursprünglich angekündigten Headlinern, und so kamen wir in die schöne Situation, eigentlich jeden Abend mit anderen Bands spielen zu können. Das waren natürlich zu einem grossen Teil Death und Black Metal Bands. Aber es waren auch solche dabei, die beispielsweise Folk Black Metal oder auch Wave und Gothic Einflüsse hatten. War schon sehr interessant.

Was sind denn Eure nächsten Pläne für Eisregen?

Micha: Wie gesagt, es waren nur 8 Dates. Wir werden schon versuchen, noch ein paar Auftritte anzuhängen.

Spielt Ihr denn auch mal in der Schweiz?

Micha: Im Januar waren wir da, im Z7 in Pratteln, auf der erwähnten Tour.

Wie? Im Januar? Hab ich ja gar nicht mitbekommen! Das Z7 ist eigentlich gleich bei mir nebenan (Penner! - Anm. d. Red.).

Micha: Ja, ja! Haste nicht richtig aufgepasst, haha.

Kannst Du laut sagen! Das gibt's ja gar nicht!

Micha: Nun, wir werden schon sehen, dass wir noch ein bisschen herumkommen. Wir haben beispielsweise auf der Mystic Circle Tour äusserst gute Erfahrungen in Oesterreich gemacht. Es wär daher also in unserem eigenen Interesse, nochmals dahin zu fahren.

Super, dann wäre ich eigentlich schon mit meinen Fragen durch. Du kannst Last Episode sagen, dass sie den Schneeregen jetzt abstellen können.

Micha: Ja klar. Ich ruf sofort nochmal dort an haha.


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The Renewal

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