Fallen Yggdrasil - Daedalus ist an allem Schuld (Interview, 2002)

Wie heisst es doch so schön? "Auf alten Pfannen lernt man kochen", und daher spielen Fallen Yggdrasil schon seit jeher ihren null-trendy Death Metal. Titan ist also kein Thema für diese Tübinger - hier wird noch nach alter Schule gebraten und gebrutzelt.

Lest alles darüber, warum Ikarus ins Meer gestürzt ist, weshalb Simon den Demotapes so nachtrauert und wieso Fallen Yggdrasil einen Molch am Schlagzeug sitzen haben.


Ich finde, dass Ihr Euch einen ziemlich kultigen und mystischen Bandnamen ausgesucht habt. Kompliment! Aber was bedeutet er denn?

Simon: Hallo erstmal! Ja, der Bandname ... auf den werden wir echt oft angesprochen. "Yggdrasil" ist der Weltenbaum in der nordischen Mythologie. Er symbolisiert für uns die Welt und das Leben darauf. "Fallen" ist einfach nur von Englisch "to fall". Und damit ist glaube ich auch die Interpretation relativ klar.

Fallen Yggdrasil ist gleichzeitig auch ein Name, den man sich nicht so leicht merken kann ... vom Aussprechen möchte ich gar nicht reden. Von Fallen Ikarus bis Fallen Alcacyl werdet Ihr sicherlich alles schon gehört haben. Kommt Ihr da aus dem Erklären und Buchstabieren überhaupt noch heraus, wenn Ihr über Eure Band reden wollt, und was war denn die schlimmste Verschandelung von Fallen Yggdrasil, der ihr bisher begegnet seid?

Simon: Haha, wir hatten echt schon viel. Meistens sind es einfachere Fehler - zum Beispiel, dass irgendwo ein "L" zu viel oder ein "G" zu wenig ist. Wir hatten aber auch schon "Fallen Üggdrasyl" und ähnliches. Vor allem Konzertveranstalter und Clubs schreiben unseren Namen gerne falsch. Dabei bräuchten sie eigentlich nur abzuschreiben. Ausgesprochen wird er übrigens einfach so, wie man ihn schreibt. Manchmal geht es mir ganz schön auf die Eier, immer buchstabieren zu müssen. Andererseits scheint es aber auch so zu sein, dass diejenigen, die den Namen mal draufhaben, ihn so schnell nicht wieder vergessen. Blöder ist da schon eher, dass uns viele Leute, wenn sie den Namen hören, für eine Black Metal halten.

Ihr habt Eure CD In No Sense Innocence getauft. Soll das frei übersetzt so viel wie "Machen wir uns nichts vor, wir haben alle Dreck am Stecken" bedeuten oder interpretiere ich das falsch?

Simon: Das geht schon in die Richtung. Letzen Endes geht es darum, dass niemand von uns ein wirklich unschuldiges Leben führt. Es gibt vermutlich nur ganz wenige Menschen, die wirklich im Einklang mit ihrer Umgebung leben und ein glückliches Leben führen, ohne dafür andere Wesen in Mitleidenschaft ziehen zu müssen. Das bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens, sei es nun im privaten Rahmen oder in grösseren Dimensionen wie zum Beispiel der Umgang mit der Natur. In dem Song In No Sense Innocence geht es konkret um das Gefühl von Schuld.

Auf Eurem Cover sieht man einen Engel oder sowas in der Art, der einer verzweifelt in die Höhe gestreckten Hand seine eigene reicht. Mit der zweiten Hand verdeckt dieser "Engel" sein Gesicht. Sag doch bitte mal etwas dazu. Die Idee zu diesem Cover scheint ja von Dir selbst zu stammen.

Simon: Das passt ganz gut zu der oben erwähnten Band "Fallen Ikarus". Für das Cover habe ich mir das "Daedalus/Ikarus"-Motiv von den alten Griechen geborgt. Diese Sage handelt in Kurzfassung davon, das Daedalus seinem Sohn Ikarus das Fliegen mittels selbstgebauter Flügel aus Federn und Wachs beibringt. Er ermahnt seinen Sohn, nicht zu hoch zu fliegen, da das Wachs durch die Wärme der Sonne schmilzen könnte. Ikarus hält sich natürlich nicht daran, kommt in seinem Übermut zu nah an die Sonne, das Wachs schmilzt und er stürzt ins Meer. Diese Geschichte kann man in der In No Sense Innocence-Thematik interpretieren. Daedalus hat durch seine Technik eine Grenze überschritten, die Menschen nicht überscheiten sollten und für die sie nicht reif sind. Das zeigt sich daran, dass Ikarus ganz offensichtlich nicht verantwortungsbewusst damit umgehen konnte. Ein typisches Beispiel menschlicher Hybris. Die eigentliche Schuld an der Tragödie liegt aber nicht bei Ikarus sondern bei Daedalus. Und das ist auf dem Cover dargestellt: Ein dämonischer Daedalus mit seinen Flügeln, der versucht, den ins Wasser gestürzten Ikarus zu retten. Seine Hand reicht aber nicht weit genug, und ihm bleibt nur noch die Reue. Das geht also auch wieder in die Richtung "Schuld". "In No Sense Innocence" eben.

Ihr habt zwei Songs mit deutschen Texten auf der CD. Die Titel der Tracks sind allerdings auf Englisch. Wieso denn das?

Simon: Das hat sich halt so ergeben. Ich folge mit den Texten keinem bestimmten Konzept sondern schreibe einfach nach dem Gefühl. Ich habe erst vor Kurzem angefangen, deutsche Texte zu verfassen, weil ich mich da sicherer fühle. Man ist ja nun mal kein englischer Muttersprachler. Ich tue mich aber schwer damit, prägnante Songtitel auf Deutsch zu erfinden. Meistens hören die sich in meinen Ohren entweder zu platt oder zu gekünstelt abgehoben an. Wenn ich aber mal für einen Song einen guten deutschen Titel finde, dann werde ich ihn auch verwenden. Aber wie gesagt, die meisten deutschen Songtitel hören sich immer recht pathetisch an. NewAgeMephisto kann man aber auch deutsch lesen. Dann stünde "New Age" nicht für das "Neue Zeitalter" sondern für diese teilweise dubiosen Heilsbewegungen der Neuzeit, die man ja auch im Deutschen unter dem Begriff "New Age" zusammengefasst hat. Ich spiele in den Texten gerne mit solchen Doppeldeutigkeiten und Andeutungen.

Gib uns doch mal einen kurzen Überblick über Eure Bandgeschichte.

Simon: Angefangen hat alles damit, dass mein Bruder Raffael und ich uns irgendwann 1996 dazu entschlossen haben, eine eigene Band zu gründen. Bis wir dann Leute und einen Proberaum gefunden hatten, war es 1997. Dieses Jahr gebe ich darum immer als eigentliches "Gründungsjahr" an, denn davor war eigentlich noch nicht viel mit Proben oder so, sondern es mussten erst die ganzen organisatorischen Sachen geklärt werden. Nach Rehearsal- und Livetapes kam dann 1998 das erste richtige Demo mit dem Namen Odyssey in Sorrow raus, welches ganz ordentlich ankam und sich auch gut verkaufte. Das Beste war aber, dass wir uns mit dem Demo einige Gigs sichern konnten, unter anderem auch mit Bands wie beispielsweise Night in Gales, Fleshcrawl oder Centinex. Die nächste Veröffentlichung kam dann erst im Jahre 2000 in Form einer 7". Die war auf 500 limitiert und ist zwischenzeitlich ausverkauft. 2000 war auch gleichzeitig ein Jahr der grossen Umbrüche in der Band. Aus verschiedenen Gründen musste die Band komplett umgekrempelt werden, so dass letzen Endes nur der Raffael und ich von der Urbesetzung übrig blieben. Das hat uns natürlich alles etwas Zeit gekostet, so dass es wieder fast zwei Jahre gedauert hat, bis die nächste Veröffentlichung, nämlich In No Sense Innocence, aufgenommen wurde. Das war im Herbst 2001. Seit Januar 2002 ist sie nun offiziell draussen.

Interessanterweise habt Ihr früher mal Keyboards benutzt, heute aber nicht mehr. Die meisten anderen Bands, die irgendwann mit Keyboards in Kontakt kommen, machen diese Entwicklung in die andere Richtung durch. Warum habt Ihr Euch entschieden, dieses Instrument zukünftig wegzulassen?

Simon: Das war eine eher schleppende Entwicklung. Auf dem 98er Demo hatten wir noch recht viele Keyboards, auf der 7" nur noch sehr sporadisch, und nun sind sie ganz weg. Für diese Entwicklung gab es drei Gründe. Der erste war musikalischer Art. Wir haben einfach immer mehr Lieder geschrieben, bei denen wir dachten, dass ein Keyboard stören würde. Diese Entwicklung wurde dadurch gefördert, dass sich unser Keyboarder Philipp sowohl musikalisch als auch menschlich immer weiter von uns wegentwickelt hat - und wir vermutlich auch von ihm. Irgendwann war dann keine gemeinsame Basis mehr da und er ist ausgestiegen. Das war aber keine dramatische Sache. Es gab keinen Streit oder so. Wir verstehen uns nach wie vor gut, eigentlich sogar fast besser als in den letzten Wochen seiner Bandzugehörigkeit, wo es doch hin und wieder leichte Spannungen gab. Ich könnte mir auf jeden Fall sehr gut vorstellen, dass wir den Philipp mal für ein paar Songs mit ins Studio nehmen, wenn wir irgendwo ein Keyboard brauchen können.

Simon, ich darf Dich aus einem älteren Interview zitieren: "... dass ich diesen momentanen CD Trend im Underground ziemlich zum Kotzen finde. Das hat mehrere Gründe: Der erste ist, dass ich halt totaler Demotapefanatiker bin ... und es wäre echt schade, wenn die Tapes genau wie das Vinyl langsam aber sicher von der Bildfläche verschwinden würden. Ausserdem sind viele CDs echte Abzocke." Danach kamen ja noch viel herbere Äusserungen über CD Demos resp. Bands, die Demo CDs aufnehmen. Wie dem auch sei, In No Sense Innocence wollte bei mir einfach nicht ins Tapedeck passen, dafür war das Teil zu rund. Auf Deine folgende "Stellungnahme" bin ich jetzt tatsächlich ziemlich gespannt.

Simon: Aaaaah, Enthüllungsjournalismus der bösesten Sorte. Ja, ich stehe tatsächlich zu meiner Meinung. Ich trauere den Demotapes nach. Es geht dabei auch nicht nur um das Format als solches. Das eigentlich Schlimme daran finde ich eher, dass viele Fans denken, eine Band mit Demo-CD sei automatisch besser als eine mit Demo-Tape. Dabei hat das Format des Tonträgers ja überhaupt nichts mit dem Inhalt zu tun. Sieht aber halt besser aus, selbst wenn es dann nur eine scheppernde Proberaumaufnahme auf CD-Rom ist. Meine exakte Meinung dazu lässt sich auf unserer Homepage nachlesen. So, nun aber zum meiner Rechtfertigung, warum wir nun selber eine CD herausgebracht haben: Ich habe schon in den Interviews, die Du zitierst, gesagt, dass sich der Trend weg von Tapes und hin zu CDs nicht mehr aufhalten lässt und dass man als Band über kurz oder lang gezwungen sein wird, eine CD aufzunehmen. Das hat sich ja auch als wahr erwiesen. Der Grossteil der Leute will einfach keine Tapes mehr. Ausserdem möchte ich behaupten, dass sich viele Labels, Boker oder auch Journalisten nicht mehr die Mühe machen, Tapes wirklich sorgfältig anzuhören, denn sie haben sich schon zu sehr an den Komfort der CDs gewöhnt. Wie "out" Tapes sind, merken wir zum Beispiel auch, wenn wir bei Konzerten einen kleinen Underground-Stand aufbauen und CDs, Zines und Demos verkaufen. Wir müssen die Demotapes immer billiger machen, um überhaupt noch welche zu verkaufen. Insofern war schon klar, dass auch wir früher oder später auf CD wechseln würden, und wenn ich mich nicht irre, habe ich das in dem Interview mit dem Into The Pit Fanzine sogar angekündigt. Es ist ja auch einfach so: Selbst wenn ich persönlich ganz rigoros gegen CDs wäre, müsste ich mich doch der Mehrheit in der Band fügen.

Euer Drummer Christoph hat in der Bandbiografie den Übernamen Molch bekommen. Auch auf der Webseite ist er unter diesem Namen zu finden. Molche sind ja nachtaktiv, äusserst lichtempfindlich, eher träge und beinahe blind, so viel ich weiss. Was hat er denn angstellt, dass er unter diesem "Künstlernamen" sein Drummerdasein fristen muss?

Simon: Guter Ansatz! Die Molch-Charakteristika, die Du beschrieben hast, passen sehr gut auf unseren Drummer. Der eigentliche Grund, warum wir ihn so nennen, ist aber der, dass wir finden, dass er einen ungewöhnlich breiten Mund hat, vor allem dann, wenn er grinst. Und das hat uns immer an ein Amphibium erinnert ... einen Molch eben. Interessanterweise wurde er in der Schule unabhängig von uns von seinen Mitschülern immer "Kermit" genannt. Scheint also doch was dran zu sein ...

Kontakt Fallen Yggdrasil:
Simon Kratzer
Untere Sonnhalde 4
72070 Tübingen/D
mailto:fallen-yggdrasil@web.de


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The Renewal

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