Mephistopheles - alles wie immer plus 'ne Flasche Bier (Interview, 2001)

Raus aus dem Weihnachtseinkaufsstress, rein ins Interview. So oder ähnlich sah's bei Jury von Mephistopheles an diesem Abend aus, da er sich freundlicherweise dazu bereit erklärt hatte, uns für ein paar Fragen Rede und Antwort zu stehen. Selbstverständlich werdet Ihr in diesem Interview nicht erfahren, was Extremmetaller ihren Freunden und Bekannten zu Weihnachten schenken, mal ganz abgesehen davon, dass beim Veröffentlichungstermin dieser Gesprächsabschrift der ganze Rummel sowieso schon vorbei sein wird.

Um was es denn nun geht? Ganz einfach, um Modern Instinct's Purity, wie Mephistopheles sich für ein Konzert vorbereiten und warum es in ihrem Proberaum immer nach Bier und Zigaretten stinkt ... oder duftet???

Lass uns zuerst in der Geschichte von Mephistopheles ein wenig zurückgehen, und zwar zu dem Zeitpunkt, als Du zur Band gestossen bist, so um 1998 herum. Damals legten die Bandmitglieder bis auf eine Person die Pseudonyme ab und liessen auch jegliches Corpsepaint weg. Zudem wurde die Musik aggressiver. Wäre das auch ohne Dich passiert?


Jury: Hmm, das kann ich jetzt schlecht sagen. Fakt ist, dass ich mich sehr stark in die Band eingegliedert habe und dadurch auch Mitspracherecht bekam. Ich hatte mich zuvor nie geschminkt und fand das eigentlich schon immer doof, was ich auch offen sagen durfte, da das ja Freunde von mir waren. Ich sagte ihnen ferner, dass ich die Art und Weise, wie sie sich damals schminkten, nicht wirklich geil fand. Offensichtlich fand dieser Denkprozess wohl auch in den Köpfen der anderen Bandmitglieder statt. Auf den ersten Photos, die wir zusammen gemacht haben, war ich auch noch geschminkt, weil ich halt dachte: "Ok, ich kann jetzt nicht eben erst in die Band gekommen sein und schon sagen, wie es laufen soll". Dazu kam, dass unser Stil immer aggressiver wurde und der visuelle Aspekt der Black Metal Szene unserer Meinung nach langsam lächerliche Züge annahm. Wir wollten eigentlich nur rocken, Spass an der Mucke haben und die Musik für sich selbst sprechen lassen. Ausserdem verliess zu diesem Zeitpunkt unser ehemaliger Keyboarder und Sänger die Band. Er war einer der grossen Verfechter "dieser Geschichte" gewesen. Das Gleiche passierte auch mit den Pseudonymen. Hanno dachte: "Warum soll ich mich hinter einem Pseudonym verstecken? Dann mache ich das doch gleich ganz konsequent und stehe auch mit meinem richtigen Namen dazu." Nur Selphratus trägt sein Pseudonym noch, weil er am meisten von uns allen im alten, rohen Black Metal verwurzelt ist und dieses Pseudonym noch immer eine sehr grosse Bedeutung für ihn hat. Das respektieren wir natürlich auch.

Es gab bei Mephistopheles in der Vergangenheit eine Menge Line-Up Wechsel, was für manche Bands irgendwann das Aus bedeutet. Mephistopheles scheinen diese Wechsel allerdings eher gut getan zu haben. Oder war die Situation eher unangenehm, weil Ihr immer wieder neue Leute suchen musstet?

Jury: Beides. Einerseits war dieses Suchen nach neuen Bandmitgliedern sicherlich stressig für alle. Andererseits würde ich mal ganz vorsichtig sagen wollen, dass sich bei Mephistopheles die zwei Bands mit dem grössten Potential aus unserer Umgebung zusammengefunden haben, nämlich Mephistopheles selbst und Agares. Eike und ich sind ursprünglich von Agares zu Mephistopheles gestossen, und zwar mit dem gemeinsamen Ziel, unter dem bestehenden Banner von Mephistopheles weiterzumachen. Das heisst, dass wir gewisse Charakteristika, die Mephistopheles hatten, weiterführen wollten, um sie mit der etwas aggressiveren Ausrichtung, wie Agares sie besass, zu mischen. Natürlich waren die Line-Up Wechsel in der Vergangenheit auch immer ein persönlicher Stress. Einige Leute fühlten dadurch angegriffen oder vielleicht sogar verletzt, weil sie gewisse Dinge anders sahen oder gar nicht einsehen wollten. Dazu kommt, dass man die Neuzugänge immer wieder anlernen muss. Jeder muss zudem verstehen, was die Essenz von Mephistopheles sein soll. Mittlerweile können wir aber von uns sagen, dass wir ein eingespieltes Team sind. Es ist eigentlich das erste Mal, dass ich behaupten kann, zu einer Band ein schon fast familiäres Verhältnis zu haben. Das Zusammenraufen, das zuvor nötig war, ist sicherlich auch ganz wichtig gewesen, fast wie in einer Beziehung, in der man sich wahrscheinlich auch erst nach fünf oder sechs Jahren richtig kennt.

Wenn Du von der "Essenz von Mephistopheles" sprichst, was meinst Du dann damit? Aggressivität, oder dass die Songs mindestens sieben bis neun Minuten lang sein müssen?

Jury: Die Essenz, dass unsere Songs zehn Minuten lang sein müssen, versuchen wir gerade, bei uns auszumerzen, haha. Das ist uns bisher nicht so ganz gelungen, und ich denke mal, dass wir dies erst mit unserem kommenden Album lernen werden. Die meisten anderen Bands haben eher das Problem, dass sie nicht wissen, wie die Songs weitergehen sollen.

Dann sind Eure Stücke also eher "made by Fischertechnik"? Einer bringt das Grundgerüst, und die Anderen bauen fortlaufend neue Teile darin ein?

Jury: Das läuft unterschiedlich. Meistens macht einer von uns einfach mal eine Vorgabe, die sich danach richtet, was er mit dem Song ausdrücken möchte. Schlussendlich hören sich die fertigen Titel dann aber immer ganz anders an. Die Essenz ist lediglich, dass es "kicken muss", wenn wir im Proberaum stehen, eine ganze Menge Bier vernichten und derben Spass dabei haben. Wir versuchen auch, unseren Stil zu verfeinern, hauptsächlich in der Melodienführung, und probieren gleichzeitig, unsere Musik ein wenig aggressiver und räudiger werden zu lassen.

Hat letzteres vielleicht auf Songs Of The Desolate Ones noch ein bisschen gefehlt? War dieses Album eventuell ein bisschen "zu glatt"?

Jury: Von der Produktion her auf alle Fälle nicht. Die war eher zu ungeschliffen. Aber vielleicht fehlten die Ecken und Kanten ein wenig, und vielleicht mussten wir auch erst mal ein bisschen dieses "melodic Black Metal" Genre verlassen, um an den heutigen Punkt zu gelangen. Dieses Mal lautet die Essenz der Songs meistens: "Mephistopheles wie immer, und dazu mach Dir'ne Flasche Bier auf." Die neuen Songs sind so, wie wir auch selbst sind.

Jetzt hast Du gerade erzählt, dass Ihr im Proberaum Bier trinkt und Spass haben wollt. Nun sind ja Eure Songs relativ komplex und auch anstrengend zu spielen. Wie ist denn das so vor den Livekonzerten? Müsst Ihr Euch die Songs vorher nochmals schnell anschauen oder kann man sich die mit der Zeit tatsächlich komplett merken?

Jury: Früher war es schon so, dass wir die Songs vor dem Auftritt nochmals durchgegangen sind. Wir wohnen auch nicht unbedingt nah beieinander und können daher nur selten zusammen proben. Mittlerweile haben wir aber doch eine gewisse Disziplin in die Band reingebracht. Wir üben ein paar Tage vor dem Gig, um unsere Kondition wiederherzustellen und die Songs zu verinnerlichen. Zudem ziehen wir uns vor dem Auftritt eine halbe oder dreiviertel Stunde zurück, um uns warm zu spielen.

Auf dem Vorgängeralbum hattet Ihr ja bereits schon diese Bombastchöre, die auch auf der aktuellen Platte wieder zu finden sind. Bei Songs Of The Desolate Ones wurden diese ja von Hansi Kürsch von Blind Guardian eingesungen ...

Jury: Nein, das wurde von den Leuten mehrheitlich falsch verstanden. Blind Guardian singen ja die Chorpassagen auch nicht selbst - beziehungsweise singen vielleicht mit, machen aber auf jeden Fall auch nicht alles alleine. Die haben Studio-Chorsänger, unter anderem Rolf Köhler und Olaf Senkbeil. Der Kontakt mit ihnen kam zu Stande, weil unser Produzent die Beiden persönlich kennt. Wir fanden die Idee, diese beiden Sänger für die Chöre auf unserem Album zu haben, natürlich toll. Auf dem aktuellen Album singt Hanno die Chorpassagen (guitars - Verf.).

Das heisst, Ihr müsst die Chöre live selbst singen. Hat Hanno schon geübt?

Jury: Mal sehen. Hanno singt die Chorpassagen nicht immer. Es kommt ein wenig darauf an, wie die Rahmenbedingungen sind. Wenn wir ein Konzert spielen, bei dem wir keinen Soundcheck haben, also beispielsweise auf einem Festival, und wir wissen schon im Voraus, dass der Sound eh scheisse sein wird, dann lassen wir die Chöre weg, und zwar aus dem Grund, weil wir nichts schlimmer finden, als einen Chorsänger bei einem Livekonzert zu hören, der total neben der Spur liegt und nicht mal etwas dafür kann. In so einem Falle ziehen wir lieber das volle Metal-Programm durch. Im Endeffekt haben dann auch die Leute mehr davon.

Ihr veranstaltet auf Eurer Webseite eine Umfrage, welche Songs vom Debutalbum Landscape Symphonies nochmals neu aufgenommen werden sollen. Ich nehme mal an, der Grund dafür ist, dass das damalige Label mehr oder weniger das unüberarbeitete Demo als Debut vertrieben hat. Ist es so, dass Ihr damit die alten Songs einfach noch mal in einem gute Zustand unter die Leute bringen wollt?

Jury: Teils, teils. Es ist schon so, dass die damalige Produktion scheisse war - finde ich jedenfalls. In den Songs von damals sind auch eine Menge Fehler, die zumindest WIR heraushören und die nicht mehr viel mit unserem heutigen Perfektionismus zu tun haben. Ferner denken wir, dass es cool ist, zumindest einen dieser alten Songs live zu spielen, um den Leuten eine grobe Übersicht über unsere bisherigen Veröffentlichungen zu geben. Von diesem Song möchten wir aber, dass er nochmals so veröffentlicht wird, dass wir voll dahinter stehen können. Unsere beide Favoriten, die auch durch die Votes von den Webseiten-Besuchern bestätigen wurden, sind Dark Clouds Rise Above The Kingdom und Cosmos. Wir werden dieses Vorhaben in Angriff nehmen, sobald wir Zeit dazu haben, aber es wird wohl bei einem Song bleiben.

Wenn man mit einer Band beginnt, ist wohl das grösste Ziel, irgendwann mal seine eigene Platte im CD Regal eines Ladens stehen zu sehen. Dieses Ziel habt Ihr mittlerweile erreicht. Was sind denn Eure persönlichen, mittelfristigen Ziele für die Zukunft?

Jury: Momentan haben wir für etwa ein Jahr vorausgeplant. Das erste Ziel wird sein, im Sommer bereits wieder ins Studio zu gehen, um ein neues Album aufzunehmen. Eigentlich wollten wir mit Modern Instinct's Purity zuerst eine paar Liveauftritte machen, aber aufgrund der derzeit geringen Möglichkeiten und der Tatsache, dass es bei uns "gerade richtig gut fliesst", möchten wir nicht wieder zwei oder zweieinhalb Jahre verstreichen lassen, bis wir eine weitere Platte einspielen. Wir haben bereits fünf neue Songs, und die sind bombenmässig.


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