Night In Gales - schwarzer Samt und stürmische Nächte (Interview, 2000)

Dachte doch der Tobias, er telefoniere gerade mit Tschechien und verblüffte den Interviewer mit einer englischen Begrüssung. Der sympathische Bassist von Night In Gales stellte aber schnell um, offensichtlich mit der Absicht, den Gesprächspartner arbeitslos zu machen, denn bereits nach den ersten beiden Antworten, die beinahe schon als Gesamtstatements bezeichnet werden können, hatte der Gesprächsführer heftig damit zu tun, auf seinem Notizblock die bereits geklärten Fragen auszukritzeln und nach irgendwelchen, noch nicht geklärten Fakten über Night In Gales zu suchen. Daraus entwickelte sich eine äusserst angenehme und längere Plauderei, welche die Finanzbuchhaltung von Nuclear Blast (die tragen ja die Telefonkosten) wohl ins Schwitzen bringen wird, denn so ein Anruf in die Schweiz ist nicht gerade billig. Zum Dank haben wir dann auch noch ein Bild von der Nuclear Blast Webseite geklaut, weil wir auf die Schnelle kein anderes von Night In Gales auftreiben konnten (dafür hast Du den Firmennamen 3 x erwähnt, sie werden's Dir verzeihen - Anm. d. Red.). Lest nun, was der Bassist so alles zu erzählen hatte. Tobias über Nailwork, Vokalistentausch, den Drang, wieder live zu spielen und vieles mehr.

Tobias: Yes hello!

Wie hello? Sprichst Du Kein Deutsch?

Tobias: Doch, klar.

Du weisst schon, dass Du in die Schweiz telefonierst, oder?

Tobias: Schweiz? Aha! Ne, ich dachte Tschechien. Klar, dann sprechen wir natürlich Deutsch.

Super. Mit dem neuen Album Nailwork habt Ihr Euch ein wenig von diesem Göteborg-Touch gelöst. War das eher Zufall oder durchaus gewollt?

Tobias: Die gesamte Entwicklung war eigentlich schon gewollt. Man muss allerdings dazu sagen, dass wir auch schon zuvor nicht unbedingt einen bestimmten Stil verfolgt haben, sondern einfach Songs schrieben, die dann eben in diese Schublade passten. Wir haben uns allerdings von Album zu Album weiterentwickelt und uns auch immer ein Stückchen verändert. Dieses Mal ist der Schritt ein wenig grösser und krasser ausgefallen. Wir wollten mit dem neuen Album darstellen, dass wir auch moderne Songs schreiben können, die trotzdem zu Night In Gales passen. Unser neues Album hebt sich sicherlich auch von den anderen ab, da Björn, unser Sänger, wirklich hart an sich gearbeitet und viele Chorus Lines clean eingesungen hat, was in dieser Form neu für ihn war. Die Songs sind eigentlich nicht sehr verschieden zu den älteren. Aber wir merkten, dass wir durch diese melodic Titel eigentlich nie dazu gekommen sind, mal wirklich harte und fette Riffs zu spielen. Auf Nailwork sind hingegen sehr viele davon zu hören, und die melodic Hooklines findet man dann erst später wieder, beispielsweise im Chorus. Zusätzlich wollten wir nicht, dass man aus Nailwork einen Song herauspicken kann, um das ganze Album zu beschreiben. Jeder Titel kann für sich alleine stehen, passt dann aber doch innerhalb des Album zum restlichen Material. Ich denke einfach, dass Nailwork ein wenig frischer als unsere alten Platten klingt, was Dir natürlich jede Band sagt, wenn sie ein neues Album herausbringt, klar. Wir haben uns von unserem alten Stil ein bisschen gelöst, aber man erkennt trotzdem noch, dass wir das sind.

Oha, Du hast eigentlich alle Fragen, die ich Dir zum neuen Album stellen wollte, schon beantwortet, und das mit einem einzigen Statement! Ok. Seit Eurer letzten Platte sind etwa 1 1/2 Jahre vergangen. Früher seid Ihr schneller gewesen mit dem Veröffentlichen. Habt Ihr eine Auszeit gebraucht?

Tobias: Ja, die haben wir wirklich gebraucht, um ein wenig Abstand zu allem zu gewinnen, was sich natürlich auch im Songwriting niedergeschlagen hat, weil wir früher, als wir ständig unterwegs waren, nur wenig Zeit hatten, um uns um die Songs für die nächste CD zu kümmern. Das ging gleich zu Anfang so los, 1995 war das. Wir spielten überall in Deutschland, wo man nur spielen kann. Danach haben wir den Vertrag mit Nuclear Blast unterschrieben, und eine neue CD musste aufgenommen werden. Auch wenn wir nur 4 oder 5 Tage in der Woche unterwegs waren, so kamen wir nie so richtig aus dem Tour Rhythmus heraus. Das änderte sich erst 1999, da in diesem Jahr livetechnisch relativ wenig für uns lief. Wir beschränkten uns weitgehend darauf, das neue Album auszuarbeiten. Ende September gingen wir dann ins Studio. Ob die 1 1/2 Jahre nun sehr schnell vergangen sind oder eher nicht, kann ich eigentlich nicht direkt sagen, denn ich war in der Zeit sehr beschäftigt, da ich noch mit einer anderen Band ein Album aufgenommen habe, das allerdings erst dieses Jahr im Juli herauskommt. Der Hauptinput zu unserer Musik kommt übrigens von Jens, unserem Leadgitarristen, der auch für Nailwork das Muster gestrickt hatte, das wir dann im Studio nur noch zusammensetzen mussten. Diese Auszeit hat uns aber auch wieder neue Energie gegeben und ich glaube, dass wir mit Nailwork einen guten Start hatten. Besonders aus Amerika bekommen wir äusserst gute Kritiken, sowohl von den Promotern wie auch von den Interviewpartnern.

Ihr habt auf Nailwork den Song Black Velvet von Alannah Myles gecovert. Ich hab nur gedacht: Mein Gott, die arme Frau! Wenn die das hört! Eine tolle Interpretation, die Ihr da abgeliefert habt, aber auch eine sehr abgefahrene. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, gerade diesen Titel zu nehmen?

Tobias: Diese Frage bekommen wir oft gestellt. Die Reaktionen auf diesen Coversong sind überraschend positiv. Die meisten Leute finden ihn ziemlich cool. Gestern habe ich mit einem Kanadier gesprochen, der aus der selben Stadt wie Alannah Myles kommt. Dieser gab folgendes Statement ab, das ich auch oft benutze. Alannah Myles würde wahrscheinlich die Augen verdrehen und sagen: "Diese Jungs könnte man jetzt eigentlich guten Gewissens töten." Es ist natürlich auch so, dass es nicht ganz einfach ist, einen Song zu finden, der nicht schon mehrfach von einer Metalband gecovert wurde. Black Velvet war ja vor etwa 10 Jahren mal ein richtiger Chartbreaker und hat in Deutschland sehr lange Platz 1 belegt. Jens hat sich damals sogar diese Platte ins Regal gestellt. Die wurde ihm geschenkt, soviel ich weiss (natürlich, sowas kaufen wir uns als Metaller doch nicht, die haben wir alle geschenkt bekommen hehehe, Anm. d. Red.). Jens hielt diesen Titel für ideal. Natürlich haben wir darauf geschaut, dass dieser Song Night In Gales-like auf das Album kommt. Das Stück im Original zu covern hätte wenig Sinn gemacht und wäre auch gar nicht möglich gewesen. So ist das ein schöner Rumpler geworden und im Refrain merkt man dann sogar, dass es sich dabei um Black Velvet handelt haha.

Auf der Platte hört man auch Euren Ex-Sänger Christian Müller. Die Trennung von ihm scheint also nicht im Streit geendet zu haben, wie es aussieht.

Tobias: Als Nuclear Blast uns einen Vertag anboten, hatte Christian bereits andere Zukunftspläne, die heute wieder ein wenig anders aussehen. Er singt mittlerweile bei meiner anderen Band. Die Trennung ist also absolut freundschaftlich über die Bühne gegangen. Christian hat uns schon früh gesagt, dass wir, wenn wir grössere Ambitionen in Bezug auf Night In Gales hätten, einen anderen Sänger suchen sollten, da er privat andere Pläne habe. Tja, und der Björn hat damals in der Band gesungen, in der Christian heute singt. Heute ist Christian wieder voll dabei in Sachen Metal. Ich möchte jetzt nicht beschwören, dass es auch an seiner Partnerin gelegen hat, aber wenn jemand so sehr im Metal verwurzelt ist wie Christian, dann kommt er nicht schnell davon los. Christian war schon immer ein Metal Fan und hat eigentlich nie was anderes gehört. Auch während der Zeit, in der er nicht bei uns gesungen hat, war er immer interessiert daran zu erfahren, was wir gerade so machen. Bei All Scissors Smile singt er etwa 40 % der Vocalparts.

Ihr habt ja sehr viel getourt und geltet auch als vorzügliche Liveband, die dann eigentlich noch stärker herüberkommt als auf den Alben.

Tobias: Ja, wir sind definitiv eine Liveband. Das stellte übrigens früher auch ein Problem für uns dar. Bei den ersten Platten waren wir im Studio sehr verkrampft. Bei Syphlike schien das noch nicht so extrem, weil wir damals noch sehr jungfräulich und unerfahren an die Sache herangegangen sind. Bei Towards The Twilight sah das allerdings schon ganz anders aus, weil die Nervosität sehr gross war, und das hat man uns auch angehört. Darum kann man wohl schon sagen, dass Nailwork der Release ist, den wir als bestgelungenen bezeichnen würden, nicht nur von der Produktion her, sondern auch vom spielerischen Standpunkt aus. Ich will damit nichts entschuldigen. Wir sind einfach routinierter geworden und haben viel dazu gelernt, was sich eben auch auf Nailwork ausgewirkt hat. Wir wollten ein Album machen, das modern klingt und die Leute auch wieder für Night In Gales begeistern kann, so wie es früher mal war, als wir noch regelmässig auf Tour gingen.

Euer Gitarrenduo, Basten und Basten, sind das eigentlich Brüder?

Tobias: Ja, das sind Geschwister.

Sind denn schon irgendwelche Tourdaten bekannt?

Tobias: Ja, wir sind im Mai 3 Wochen auf Europatournee. Wir spielen in Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, Oesterreich, Spanien, Italien und auch in der Schweiz. Zusammen mit Gorgoroth, Old Man's Child und Krisiun übrigens.

Mit Gorgoroth und Krisiun? Was für eine Mischung. Fühlt Ihr Euch wohl in dieser Zusammenstellung?

Tobias: Ach das ist kein Problem. Ausserdem sind wir in letzer Zeit mit Tourangeboten nicht gerade überhäuft worden. Wir wollten eben wieder live unterwegs sein, das war das Wichtigste für uns.

Und die neue Platte von Gorgoroth ist ja auch nicht mehr so extrem. Ganz im Gegensatz zu Krisiun, die spielen etwa doppelt so schnell wie ihr.

Tobias: Krisiun kenne ich eigentlich gar nicht. Ich hab nur gehört, das seien super Techniker, die ihre Instrumente perfekt beherrschen. Auf Tour ist das Wichtigste, dass es menschlich stimmt, denke ich mal. Ach ja, jetzt fällt mir noch was zum Thema Coverversionen ein. Für die japanische Variante von Nailwork haben wir auch noch Indians von Anthrax aufgenommen. Ich denke mal, dass dieser Song später auf irgendeinem Sampler wie beispielsweise Death Is Just The Beginning auch den europäischen Fans zugänglich gemacht wird.

Intruder werdet Ihr live auch spielen, oder?

Tobias: Nein, auf dieser Tour nicht.

Was? Willst Du mich .....? Das ist doch einer Eurer coolsten Songs!

Tobias: Wir legen bei den kommenden Liveauftritten den Schwerpunkt auf die neue Scheibe.

Also kein Intruder ... (jetzt lass doch den armen Mann mit Deinem Intruder in Ruh - Anm. d. Red.)

Tobias: Auf der kommen den Tour nicht. Wir haben halt leider nicht die Zeit, alles zu spielen, was wir gerne spielen würden. Es wäre natürlich schon toll, diese alten Titel zu bringen, weil die Reaktionen der Leute sehr viel stärker sind als beim neuen Material. Wir werden aber sicher Black Velvet spielen. Wahrscheinlich wechseln wir dann mit Indians ab, damit beide Coverversionen zum Zuge kommen.


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