Obsidian Gate - mit Vollgas durch den Kosmos (Interview, 2000)

Das erste Album der deutschen Black Metal Sinfonisten (es lebe die Begriffsvielfalt - Anm. d. Red.) Obsidian Gate ist nicht unbedingt ein Werk, dass man sich so nebenbei beim Lesen oder Spülen (ich weiss, Du wolltest was anderes schreiben - Anm. d. Red.) anhören kann. Dafür ist es viel zu komplex und wuchtig. Neben einer gestandenen Ladung Black Metal bekommt der Hörer bei The Nightspectral Voyage zugleich eine dermassen gewaltige und orchestralische Bombastkulisse um die Ohren geknallt, dass jegliche Zweitbeschäftigung zur Nebensache verkommt. Sicher, die extrem keyboardlastige Musik ist nicht jedermanns Sache. Wem das Album von Obsidian Gate jedoch gefällt, der dürfte an diesem Interview seine Freude haben, denn die Befragten hatten einiges zu erzählen. Eine vielversprechende Band, wie es scheint. Wer also The Nightspectral Voyage noch nicht kennt, der sollte das schleunigst nachholen. Bevor wir aber noch die halbe Seite mit Einführungstext vollsauen, brechen wir an dieser Stelle ab und lassen die Band selbst sprechen. Obsidian Gate über Corpsepaint, dominante Keyboards, das Problem, das ganze Material live umzusetzen und die Notwendigkeit, hinter dem zu stehen, was man sagt und was man tut.

Woher kommt der Name Obsidian Gate und was bedeutet er genau?

Obsidian Gate: Der Name Obsidian Gate heisst für uns soviel wie 'Das schwarze Tor'. Obsidian ist schwarzes Lavagestein und besitzt eine geheimnisvolle und magische Aura. Obsidian Gate ist unser Tor zu den Dimensionen der Finsternis, erschaffen durch unsere Kunst.

Gebt doch bitte mal eine kurze Bandbio. Wie und wo hat alles angefangen?

Obsidian Gate: Marco und ich begannen 1994 damit, Musik zu erschaffen. Wir kannten uns bereits seit sehr vielen Jahren und wussten uns von vornherein zu ergänzen. Die Musik war von Anfang an Black Metal, denn wir waren von dieser einzigartigen Kunst schon seit Darkthrone's A Blaze... besessen. Anfangs klangen wir noch sehr roh, doch diverse melodische Elemente waren damals auch schon vorhanden. Wir nahmen nur für uns selbst einige Rehearsals auf. Als Daniela später zu uns stiess, begannen wir, die Sache ernster anzugehen und nahmen zwei Demotapes auf, von denen das Letztere schliesslich zu unserem Deal mit Skaldic Art führte.

Es fällt auf, dass Ihr für Eure Künstlernamen nicht wie viele Eurer Kollegen Herr der Ringe oder andere Schriften geplündert habt, sondern mit Euren bürgerlichen Namen im Booklet verewigt seid. Facepaint scheint Ihr aber zu benutzen. Wieso also das eine aber nicht das andere?

Obsidian Gate: Warum sollten wir nicht zu unseren bürgerlichen Namen stehen? Wir brauchen uns nicht in einen Mantel von Anonymität zu hüllen, denn wir stehen zu allem, was wir tun, sowohl musikalisch als auch persönlich. Mag sein, dass ein Pseudonym geheimnisvoller erscheint. Aber seien wir mal ehrlich, das Repertoire aus guten Namen ist ohnehin ausgeschöpft, und die meisten Eigenkreationen klingen eher lächerlich als mysteriös. Facepaint ist für uns eine sehr spirituelle und auch wichtige Sache. Wenn wir in der richtigen Stimmung sind, kehrt das Corpsepaint unsere verborgene, finstere Seite nach aussen wie eine Metamorphose. Allerdings benutzen wir Paint nicht ständig, wie ihr seht. Es kommt halt immer auf die Stimmung an.

Die Keyboards auf The Nightspectral Voyage sind extrem dominant. Allerdings weichen sie die Musik nicht auf, wie es bei anderen Bands vorkommt, sondern wirken fremd, bedrohlich und bösartig. Auch die Paukenschläge, so nenn ich das einfach mal, tun Ihren Teil dazu. Eine Kombination, die ich vor Obsidian Gate so nicht kannte, und die Euch sicherlich auch einen gewissen eigenständigen Anstrich verleiht. Hattet Ihr von Anfang an geplant, den Keyboards eine derartig tragende Rolle zukommen zu lassen?

Obsidian Gate: Ja, wir planten von Anfang an, dieses Album extrem keyboardlastig zu gestalten, aber ohne seichtes Gedudel darin. Wir wollten ein Album schaffen, das an orchestraler Präsenz kaum zu überbieten ist, wie ein Soundtrack zu einem finsteren Film über die dem Menschen fremden und ihm Furcht einflössenden Dimensionen des Todes und der dunklen Ewigkeit, schnell, bedrückend und voller wechselnder Stimmungen. Wir alle in der Band hören auch viel Klassik und orchestrale Soundtracks, und somit war es für uns logisch, diese Einflüsse mit der Urgewalt des Black Metals zu verbinden, und zwar zu gleichen Teilen, 50:50!

Als The Nightspectral Voyage zum ersten Mal durch meine heimische Stereoanlage rauschte, hatte ich das Gefühl, es müsse jeden Moment eine Armada von ausserirdischen Bösewichten durch mein Wohnzimmer marschieren. Im Booklet steht zu Eurem Intro As The Void Opens folgender Begleittext: This is the opening of the Obsidian Gate into a realm far away from a planet left burning and dying. This is the place where my soul leaves it's mortal shell of flesh ... for a nightspectral voyage into an eternity of darkness. Eure Texte sind ja nicht so einfach zu interpretieren, weil sie viel mit Symbolik und astronomischen Begriffen arbeiten. Sagt doch mal was über die Geschichte zu The Nightspectral Voyage. Wovon handeln die einzelnen Songs?

Obsidian Gate: Nun, die Lyrics von The Nightspectral Voyage sind alle absichtlich recht abstrakt gehalten, um die Leute zum Denken anzuregen und im Einklang mit der Musik eigene, von ewiger Schwärze erfüllte Welten aufzubauen. Und als lebendige Wesen kennen wir nur den Kosmos als ewige Finsternis. Alles Licht darin ist verderblich. Wie jeder Mensch hat auch jeder Stern und jede Galaxie nur eine bestimmte Zeit der Existenz. Und wenn der Zeitpunkt des Todes gekommen ist, verlässt die Seele den Körper, um eins mit der Finsternis zu werden. Darum geht es in When Death Unchains The Spectre. The Obsidian Eternity And Anguish beschreibt den Alptraum als Dämon, der sich im Menschen einnistet und sich des Nachts von seiner Seele ernährt. From The Infinite Forge Of Time handelt von der Erschaffung einer neuen, dunklen Welt durch die Mächte der Hölle. In The Bethorian Shrine geht es um ein menschliches Wesen, welches den planetarischen Dämon des Jupiter, Bethor, beschwört, zum Preis der menschlichen Seele, welche dann für alle Ewigkeiten in einem Schrein gefangen gehalten wird. Der Song beschreibt das Leiden der gefangenen Seele. Invoke The Dragon-Constellation ist die Vernichtung aller Existenz durch die Urgewalt des Drachen.

Woher nehmt Ihr denn die Inspiration für diese Art von Musik?

Obsidian Gate: Wir werden von vielen Dingen inspiriert. Bücher, Filme, Gedanken, Träume, negative Emotionen... Alles, was uns dazu verleitet, kreative Energie freizusetzen, um unsere Musik zu komponieren.

Eure Arbeitsaufteilung ist ja auch interessant. So sind beispielsweise gleich zwei Leute, Daniela und Marco, für die Keyboards und die anderen orchestralen Effekte zuständig, während die Gitarren, die Drumcomputer Programmierung und die Lyrics von Marcus stammen. Wie entsteht bei Euch ein Song? Sind zuerst die Keyboardmelodien da oder läuft es umgekehrt?

Obsidian Gate: Nun, zuerst entstehen orchestrale Grundgerüste, komplett sinfonisch gehaltene Strukturen, die Marco und Daniela auf den Keyboards komponieren. Ich habe auch Ideen dafür, die ich ihnen beschreibe und die sie dann umsetzen, allerdings auf ihre eigene Art und Weise. Das Ergebnis haut mich dann jedesmal aus den Stiefeln. Auf diese Orchestration arrangiere ich dann die Drum Parts. Danach werden dann die Gitarren komponiert. Inzwischen übernimmt Marco auch wieder die zweite Gitarre. In Zukunft werden die Gitarren so wesentlich komplexer und dominanter ausfallen. Bei den Lyrics ist es unterschiedlich. Mal steht ein Text schon lange vor Beendigung des Stücks, mal wird er auf den Song geschrieben.

Gibt's denn keinen Bass oder läuft der auch über Programmierung?

Obsidian Gate: Der Bass ist als Kontrabass vorhanden. Das gibt der orchestralen Seite den nötigen Druck. Ich überlege aber, auf den nächsten Veröffentlichungen eine Bassgitarre einzuspielen, wer weiss?

Auf dem CD Cover ist ein Mann zu sehen, der eine brennende Kerze in den Händen hält. Um ihn herum der ewige Kosmos, gleich neben ihm ein grosser, glühender Krater. Woher stammt das Bild und wie deutet Ihr es selbst?

Obsidian Gate: Das Artwork wurde von Viktor Witkowski angefertigt, speziell für unser Album. Wir haben ihm unsere Musik beschrieben und unsere Ideen für das Cover, ein Abbild der Ewigkeit und des Todes, mitgeteilt. Ohne das Album vorher gehört zu haben, malte er dieses Gemälde, und wir finden es wirklich ausgezeichnet und absolut passend zur Musik auf The Nightspectral Voyage. Wir sehen darin die Ewigkeit, die den Menschen im Angesicht des Todes so winzig und verloren erscheinen lässt... Aber die eigentliche Intention des Bildes weiss allerdings nur der Künstler selbst.

Ich nehme an, Ihr wollt wahrscheinlich nicht, dass man Eure Musik als melodischen oder bombastischen Black Metal bezeichnet. Irgendwie will seit Bands wie Dimmu Borgir niemand mehr mit dieser Beschreibung in Verbindung gebracht werden. Wie bezeichnet Ihr denn Eure Musik selbst?

Obsidian Gate: Ich finde, bombastisch ist schon ein recht gutes Attribut für unser Album, aber nur aufgrund eines solchen kann man uns nicht mit den Sell-out-Bands wie Dimmu Borgir oder so vergleichen, denn ich ich denke, was diese Bands bei vielen Leuten so verhasst gemacht hat, ist die Tatsache, dass die Bands ihr Seelenblut verloren haben, auf Kohle komm raus mainstreamfähig gemacht wurden, letztendlich ihre Kompromisslosigkeit verloren haben und ihre Alben auf das Bedürfnis der Masse zugeschnitten haben. Da wir aber nicht mal ansatzweise vorhaben, diesen Weg einzuschlagen, und einfach unser Ding durchziehen, haben wir keine Probleme damit, so bezeichnet zu werden. Fragt man uns aber, sagen wir einfach, dass wir drakonische, orchestrale Black Metal-Kunst spielen. Ganz einfach.

Eure Plattenfirma, Skaldic Art, vergleicht Euch mit Bands wie Bal Sagoth und Limbonic Art, was man durchaus so stehen lassen kann. Welche Art von Musik bevorzugt Ihr sonst noch so?

Obsidian Gate: Wie schon gesagt, mögen wir auch viel Klassik. Im Metal natürlich Black Metal, wobei Marco aber auch epischen Power Metal wie Rhapsody hört. Meine persönlichen Faves sind u.a. Setherial, Darkthrone, Emperor, Obtained Enslavement, In Battle, Limbonic Art, Astaroth, Immortal, und Enthroned.

Habt Ihr bereits irgendwelche Tourdaten in Aussicht? Wie sieht die nähere Zukunft von Obsidian Gate aus?

Obsidian Gate: Mit Gigs haben wir noch so unsere Probleme, das Ganze auf die Bühne umzusetzen, da wir ja nur drei Leute sind. Irgendwann werden wir aber auftreten können, und das werden wir dann auch tun! Momentan arbeiten wir an neuem Material, welches verglichen zu The Nightspectral Voyage intensiver, schneller und technischer werden wird. Die orchestrale Seite wird natürlich wieder grossgeschrieben, und textlich wird es in eine völlig andere Richtung gehen, nämlich wesentlich traditionell-satanischer.


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The Renewal

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