Opeth - komplex, dynamisch und grossmutterkompatibel (Interview, 2001)

Schwedenmetal einmal ganz anders. Sie sind keine Shootingstars und sie sind auch keine Trendsetter, und trotzdem kann eigentlich kein Metalfan guten Gewissens behaupten, er hätte von einer Formation namens Opeth noch nie im Leben etwas gehört. Stück für Stück hat sich die Mannschaft um Mikael Akerfeldt hochgearbeitet und weiterentwickelt, und bei jedem neuen Album waren sich die Rezensierer mehr oder weniger einig (und das will was heissen): "Opeth sind noch besser geworden. Opeth haben ihren Vorgänger getoppt." Soeben sind die Promotage für das neue Album Blackwater Park angelaufen. Eine tolle Sache natürlich, wenn man dann gleich noch einen Termin bekommt, denn der Zeitplan für solchen Aktionen ist meistens sehr stark beschränkt (Danke an Fabi!). Gleich zu Beginn des Gespräches stellte sich dann aber schon die altbekannte Frage: "Macht Heavy Metal taub?" Hier ein wenig o-tone für Euch: "Hi, this is Peter of Opeth" - "Hi, ehm, sorry, did you say Peter Lopez?" - "No, Peter OF OPETH". Grund genug für beide Gesprächspartner, schon ein erstes Mal affig in die Leitung zu grinsen ... aber danach ging's auch schon gleich los, denn schlussendlich sollte ja über die neue CD geredet werden.

Nicht jeder hat ein Album von Opeth daheim stehen, aber es sieht so aus, als würden alle Opeth respektieren. Ich habe eine lustigen Artikel über Opeth gelesen. Der Journalist schrieb: "Jeder mag Opeth, sogar meine Grossmutter." Woher denkst Du, kommt diese starke Akzeptanz gegenüber Eurer Band?

Peter: Nun ich glaube, wir haben ziemlich lange gebraucht, um diese Akzeptanz zu erreichen. In den Anfängen hatten wir gute und schlechte Reviews. Mittlerweile können wir ein bisschen stolz auf unsere Musik sein und sagen, dass, auch wenn uns gewisse Leute nicht mögen, sie uns doch respektieren. Ich denke, es liegt daran, dass wir uns einen eigenen Raum im Death Metal Genre erschaffen konnten. Die Leute wissen, dass wir unser Ding durchziehen und nicht auf irgendwelche Trends aufspringen. Ich denke, dass wenn jemand seinen eigenen Weg geht, er stets dafür respektiert wird. Ferner denke ich, dass viele Leute die Opeth Musik aufgrund ihrer Komplexität und Dynamik mögen. Jeder findet etwas in ihr, mit dem er sich identifizieren kann. Nimm zum Beispiel den Song Harvest. Den könnte ich tatsächlich meiner Grossmutter vorspielen, und sie würde darauf sicherlich sagen, dass Opeth wirklich gut sind. Ok, die anderen Songs könnte ich ihr nicht vorspielen, haha.

Alle Opeth Songs haben Ueberlänge. Um so schwerer eigentlich, die Leute dafür zu begeistern, denn kaum einer hat ja noch Zeit, sich ausgiebig mit der Musik zu beschäftigen, die er sich anhört. Da werden oft eher die typischen 4 Minuten Songs vorgezogen. Ist es für Euch eine Art eigene Vorgabe, dass die Stücke so lang werden oder passiert das einfach?

Peter: Es passiert einfach, aber wir wussten schon von Anfang an, dass wir lange Songs schreiben würden. Wir sitzen jedoch nicht mit der Stoppuhr nebendran und messen die Länge der Stücke. Wir machen erst den Song fertig und schauen danach, wie lang er geworden ist. Ich persönlich mag Musik, die interessant ist. Du sollst nicht wissen, was gleich passieren wird. Musik sollte voller Ueberraschungen sein, und ich glaube das ist es, was wir versuchen zu erreichen. Die Leute sollen sich beim Zuhören konzentrieren müssen. Man braucht daher Geduld, um sich Opeth Musik anzuhören. Leute, die eher 4 Minuten Songs mögen, hören sich unsere Musik sowieso nicht an. Das sortiert sich praktisch von alleine aus.

Blackwater Park ist nun das 5. Album von Opeth. Ihr habt immer wieder ein bisschen etwas verändert und Euch weiterentwickelt. Aber schlussendlich hat es sich immer 100%ig nach Opeth angehört. Gab es denn nie irgendwelche Ideen, die Ihr in die Opeth Musik nicht integrieren konntet? Habt Ihr Side-Projects für sowas?

Peter: Wir versuchen natürlich, uns von Album zu Album weiterzuentwickeln und Fortschritte in andere Richtungen zu machen. Wir haben selbstverständlich von Anfang an Elemente gehabt, die wir nicht in die Musik von Opeth integrieren konnten. Unser erster Bassist, der bei den ersten beiden Alben mit dabei gewesen ist, hatte ein paar Funkriffs, die er in die Musik hineinbringen wollte. Das ging natürlich nicht.

Würde sich sicherlich lustig anhören, so ein funky Opeth Song.

Peter: Haha. Das wäre dann wohl zuviel des Guten. Wir könnten das nicht mal tun, wenn wir wollten. Wir versuchen wirklich, nur das Beste in die Musik von Opeth einzubringen. Wenn etwas für heute nicht gut genug ist, dann reicht es vielleicht für morgen. Wir haben beispielsweise auch Riffs geändert, die zu "fröhlich" klangen, aber nicht aus dem Grund, weil sie nur zu "fröhlich" klangen, sondern einfach, weil wir sie so nicht mochten.

Im Jahre 1998 gab es wohl mal einen kritischen Punkt in der Bandgeschichte. Das war kurz vor den Aufnahmen zu My Arms, Your Hearse. 2 Mitglieder verliessen Euch, und davon einer, der Drummer, sicherlich unerwartet, was Euch ziemlich geschockt hat, wie ich gelesen habe. Gab es Momente, an denen Ihr daran gedacht habt, alle Bandaktivitäten zu stoppen?

Peter: Das war eigentlich im Jahre 1997. Wir feuerten den Bassisten ...

... wegen seinen funkigen Ideen.

Peter: Oh, nein, haha, nicht deswegen. Aber er versuchte zusehends, den Weg der Band in eine andere Richtung zu lenken. Wir hatten auch diverse persönliche Probleme mit ihm. Danach waren wir plötzlich nur noch zu Dritt. Dann passierte das mit unserem ehemaligen Drummer. Dieser stammt eigentlich aus Brasilien, und als er damals dort gerade seinen Urlaub verbracht hatte, rief er uns an, um uns mitzuteilen, dass er die Band verlassen würde, weil er nach Brasilien ziehen möchte. Mittlerweile ist er wieder nach Schweden zurückgekommen. Er hat hier studiert. Wir sind immer noch Freunde, auch wenn er nicht mehr in der Band ist. Nun ... jedenfalls waren plötzlich 2 Leute weg. Zu dieser Zeit hatten wir kaum Songs, aber das Studio für die Aufnahmen war schon gebucht. Wir mussten uns zwar überlegen, wie wir mit Opeth weitermachen sollten, aber wir kamen zum Schluss, dass es dumm wäre, die Band deswegen aufzulösen. Es hat natürlich eine Weile gedauert, bis wir den neuen Drummer in die Band integrieren konnten, nicht zuletzt auch in Bezug auf die persönliche Beziehungsebene. Aber wir haben die schwierigen Zeit letztendlich gut überstanden.

Die letzten beiden Alben waren textliche Konzeptalben. Wie sieht's bei Blackwater Park aus?

Peter: Nein, dieses Mal nicht. Mikael hat die Lyrics geschrieben, und das eher auf einer persönlichen Basis. Dieses Album ist düsterer als die anderen, besonders in Bezug auf die Texte. Sie reflektieren hauptsächlich Hass und Dunkelheit.

Der Titel Blackwater Park ist eigentlich der Name einer Band aus den 70ern. Ich kenne diese Band überhaupt nicht, und ich denke, dass es den meisten Lesern genau so geht. Was war denn das für eine Band?

Peter: Das war eine deutsche Band, die 1971 ein Album veröffentlicht haben, welches allerdings nichts mit unserem gemein hat. Wir haben immer Probleme, einen Albumtitel zu finden, der die Musik reflektiert. Normalerweise wenden wir viel Zeit dafür auf. Aber dieses Mal kam Mikael ganz spontan mit dem Namen auf mich zu, und er gefiel mir sofort.

Für dieses Album habt Ihr mit Steve Wilson zusammengearbeitet, der ja eigentlich eher für seine Produktionen aus dem progressiven Rockbereich bekannt ist. War das nicht etwas riskant? Opeth ist schliesslich noch immer eine Metal Band.

Peter: Stimmt, er hat schon Marillion produziert, und soviel ich weiss auch Dream Theater. Nun, er spielt selbst in einer Band namens Porcupine Tree. Da Mikael und ich diese Band sehr gut kennen, sagte uns der Name natürlich etwas. Steve bekam zufällig eine Kopie von Still Life von einem Rock Hard Journalisten zugeschickt, und schlussendlich war es Wilson, der uns kontaktierte, nicht umgekehrt. Mikael hat sich daraufhin mit ihm in London getroffen und mit ihm vereinbart, dass er unser nächster Produzent würde. Wir wählten ihn aber nicht seiner Produktionen wegen, sondern wegen seiner Arbeit mit seiner eigenen Band, die er ebenfalls selbst produziert. Natürlich war es ein Risiko, da wir nicht wussten, ob wir seine Vorstellungen mit unserer Musik vereinbaren konnten. Aber er hatte sehr viele gute Ideen, und es war interessant, unsere Musik von zwei verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten. Es hätte ein Fehler sein können, aber in diesem Fall hat es sehr gut funktioniert.

Auf Blackwater Park kann man sehr viele 70er Jahre Einflüsse heraushören. Offensichtlich ein Stil, der Euch sehr zusagt. Muss man damit vermehrt auf den zukünftigen Alben rechnen?

Peter: Mikael, Martin und ich mögen tatsächlich diesen 70er Jahr Sound sehr. Wir alle in der Band versuchen, unsere verschiedenen Einflüsse in die Musik einzubringen. Unsere musikalischen Wurzeln liegen im 80er Jahre Metal, aber natürlich kannten wir damals auch die progressiven Rock Bands der 70er. Doch es gibt auch verschiedene "nicht Rock"-Bands, die uns beeinflusst haben. Ich kenne beispielsweise einige gute Stevie Wonder Songs. Natürlich integrieren wir nicht direkt Stevie Wonder Songs in unsere Musik. Es geht dabei mehr um Stimmungen und Atmosphären, die vielleicht irgendwo in unseren Riffs wieder auftauchen.

In der deutschen Sprache gibt es einen Ausdruck für das Wort Gefängnis, der sich "Schwedische Gardinen" nennt. Ich habe keine Erklärung dafür, wie dieser Ausdruck zustande gekommen ist, darum frage ich jetzt mal einen Schweden.

Peter: Haha. Also ich habe auch keine Ahnung. Aber wir benutzen diesen Ausdruck in Schweden ganz bestimmt nicht! (wär ja noch schöner - Anm. d. Verf.)

Nun gut. Etwas anderes. Jedes Land dieser Welt hat seine Klischees, natürlich auch Schweden. Ueber Schweden sagt man, dass alle Frauen blond wären und alle Schweden ihre Möbel bei IKEA kaufen würden. Welches dieser Klischees stimmt denn nun tatsächlich?

Peter: Natürlich, dass alle Frauen blond sind, haha!

Tatsächlich ... alle?

Peter: Nun, ... nein, nicht alle, aber viele. Man sagt, dass schwedische Frauen besonders gut aussehen. Das ist tatsächlich wahr! Vor allem im Sommer. Das haut Dich um, ich verspreche es Dir.

Ich war schon mal in Norwegen, und das hat mich schon umgehauen.

Peter: Ja, Norwegen ist vielleicht noch ein bisschen besser, aber wenn Du im Sommer in die grossen Städte Schweden's gehst, zum Beispiel nach Stockholm ... phantastisch! Darum reise ich nur im Winter umher. Während dieser Jahreszeit könnte man in Schweden ohnehin denken, dass alle verschwunden wären. Aber im Sommer kommen sie wieder auf die Strasse raus.

Ist das Bier immer noch so teuer bei Euch?

Peter: Nicht mehr, da Schweden seine Währung entwertet hat. In der Schweiz ist das Bier teurer als bei uns. (na ich weiss nicht! - Anm. d. Verf.)

Dann gibt es ja keinen Grund mehr, nicht nach Schweden zu reisen.

Peter: Genau, Du kannst jetzt nach Schweden fahren, haha.

Ok. Verlassen wir an dieser Stelle dieses hochinteressante Männergespräch. Peter meinte übrigens noch, dass es im Sommer wahrscheinlich eine Tour geben würde, obwohl bis jetzt noch keine konkreten Pläne oder Daten bekannt seien. Aber für einen Gig in der Schweiz würde es sicherlich auch reichen. Nur ... nach diesem informativen Interview wird wohl kein Schweizer mehr an das Konzert kommen können. Warum nicht? Na, es wird im Sommer stattfinden, und das Reisebüro Opeth empfiehlt für diese Jahreszeit einen Städteflug nach Stockholm ...


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The Renewal

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