Scapegoat - die Sünden von Rheinland (Interview, 2002)

Scapegoat sind eine klassische "Krampfer"-Band im ursprünglichen Sinne. Stück für Stück haben sie sich nach vorne gearbeitet, auch wenn's hin und wieder mal schlecht um die Truppe stand. Was Dich nicht umbringt, macht Dich hart, so heisst es jedenfalls, und dies scheint auch bei diesen Deutschen der Fall zu sein, denn trotz aller Unwegsamheiten in der Vergangenheit haben sie ein tolles Album eingetrichtert - Goddog Of Prey. Und genau über dieses Album wollen wir hier reden. Natürlich auch über das, was alles zuvor geschah ...

Tosse: Grüezi erst mal! Ich habe mir gerade Dein Review über uns auf Eurer Page reingezogen. Ist ja echt korrekt!

Danke, Danke! Eigentlich gibt's Euch ja schon recht lange. Zehn Jahre ungefähr. Erzähl doch mal kurz etwas über die frühen Tage von Scapegoat.

Tosse: Ok, ich mach's so kurz wie ich kann. Scapegoat ist aus zwei Speedmetalbands entstanden, die Mitte der 80er in unserer Region Mucke machten, nämlich aus Defender mit zwei Gründungsmitgliedern von Scapegoat, dem Bassisten Daniel Herbert und Gitarrist Joe Pomponio, und aus Poison Asp mit mir als Sänger und Gitarrist. Defender haben nach ein paar Demos die LP A Symbol Of Devotion 1989 im Eigenvertrieb eingespielt und einige Gigs mit damals bekannten Szenebands wie Tankard, Living Death, Angel Dust, Pestilence, Paradox, Blessed Death und anderen abgeliefert. Poison Asp spielten 1985 ihr erstes Demo Schizoid Nightmares ein und beteiligten sich mit zwei Songs auf einem German Metal Sampler 1986 und 1987, Listen To The Voices From The Vault und World Of Nightmares. Davon gibt es auch ein Video, welches auf Headbangers Ball lief. Die Highlights waren zweifelsohne die Gigs von 1986 und 1987 mit Destruction, Sodom, Rage, Coroner, Deathrow, Exumer, Messiah usw. sowie die zweiwöchige Tour durch Ungarn 1988, wo uns die Fans frenetisch feierten, womit wir absolut nicht gerechnet hatten, und das mit zum Teil 1000 Leuten pro Gig in Open Air und Halle. Dann passierte folgendes: 1988 wurden wir von Company Records, ein damals neues Label, das der Vize-Boss von Noise Records gegründet hatte, unter Vertrag genommen. Als wir noch im selben Jahr gerade im Studio mit den Aufnahmen zu unserer ersten Mini-LP Beyond The Walls Of Sleep zugange waren, wurde uns telefonisch mitgeteilt, dass sich unser neuer Boss mit der ganzen Kohle der Firma ins Ausland abgesetzt hätte. Arrrgh! Wut, Zorn, Entäuschung - könnt Ihr Euch ja vielleicht vorstellen! Nichtsdestotrotz haben wir das "Ding" fertiggestellt und 1000 Exemplare per "Eigenvertrieb" an unsere Fans gebracht. Dann kam alles ein bisschen ins Rutschen und stimmte irgendwie nicht mehr. Jedenfalls kam es soweit, dass sich Defender und Poison Asp bald darauf fast zeitgleich auflösten - Ende dieser Ära! 1991 wurde Scapegoat von Bassist Daniel Herbert und Gitarrist Joe Pomponio von Defender, einem neuen Drummer, Ingo Beck und mir, dem Sänger und Gitarristen von Poison Asp, gegründet. In dieser Besetzung haben wir zwei Demos, 'Cos you Believe 1992 und Free your Mind 1994, sowie ein Album mit dem Titel Purify im Jahre 1995 für Secoyah/Long Island Records eingespielt, aber das "alte Spiel" schien sich fortsetzen zu wollen, denn die Platte kam auch nicht auf den Markt, da die Firma vor der Veröffentlichung das Zeitliche segnete! Wir hatten 1000 Exemplare von Purify drucken lassen und auf den kommenden Gigs verkauft. 1998 hat dann Joe als erster die Band verlassen, da er sich entschieden hatte, sich mehr der geschäftlichen Seite der Musik zu widmen. Danach bekam Ingo im April 2000 kurz vor den Studioaufnahmen zur Until You Turn To Dust-EP einen schweren Hörsturz und musste langfristig ausscheiden. Daraufhin stiess Stefan Ostermeyer zur Band und trommelte Until You Turn To Dust im Juli 2000 erfolgreich ein. Er war auch massgeblich am Songwriting zu Goddog Of Prey beteiligt, hatte aber im darauffolgenden Herbst nach den Studioaufnahmen einen Motorradunfall, wobei er sich einen Oberschenkel- und Hüftbruch zuzog und sich herausstellte, dass er nicht mehr voll einsatzfähig sein würde, worauf er vier Monate später die Band verlassen musste. Von unserem Produzenten Gerhard "Gerassi" Magin erfuhren wir von Alex Koch, der seit Februar 2002 bei uns die Drums bearbeitet, nachdem er von einer Tour mit Mystic Circle zurückgekommen war.

Ihr kommt ja aus Speyer. Erkläre uns schweizerischen Inselbewohnern doch mal, wo man sich das ungefähr geographisch in Deutschland vorstellen muss.

Tosse: Speyer liegt im südwestlichen Teil von Deutschland in Rheinland-Pfalz, direkt am Rhein, so zwischen Frankfurt und Karlsruhe, ca. 20 Km von Mannheim entfernt und ungefähr 250 Km von der Schweizer Grenze bei Konstanz - also ganz nah!

Scapegoat heisst übersetzt soviel wie "Sündenbock", was ja ein wenig unmetallisch ist. Schon klar, dass das immer noch besser klingt als Evilbock oder Todesbock, aber dennoch ... wie kam's denn zu diesem eigenwilligen Namen?

Tosse: Als ich damals mit dieser Idee ankam, hat das natürlich kontroverse Diskussionen ausgelöst, denn wer betitelt sich schon selbst gerne als Sündenbock? Aber genau das ist der Hintergrund. Wir wollten auf diese Thematik aufmerksam machen, denn ob in Familien, Cliquen, Firmen oder Politik - wenn etwas schief läuft oder jemand Scheisse baut, wird sich ganz schnell nach einem Prügelknaben umgesehen, der dafür herhalten muss. Das betrifft im Besonderen auch den Umgang mit allerlei Randgruppen - Obdachlose, Ausländer, Schwule und Lesben, Punks und Rocker, Kriminelle und "Andersdenkende", um nur einige zu nennen. Der psychologische Background ist der, dass alles, was ein Mensch bei sich nicht akzeptieren kann und will, weil er es zum Beispiel moralisch verwerflich findet oder es einfach in der Gesellschaft nicht anerkannt wird, wodurch er Nachteile hätte, auf einen bestimmten Menschen oder eine Gruppe projiziert, um es da zu bekämpfen und zu verurteilen. Und schon hat er sein Problem gelöst. Diesen Vorgang nennt man Sublimation (wos is? - Red.). Natürlich ist von unserer Seite aus auch ein bisschen Provokation mit im Spiel, indem wir durch unseren Namen die Haltung zum Ausdruck bringen wollen, dass wir uns für unsere Belange und Ideale jederzeit mit dem Gesicht in den Wind stellen werden, wenn es uns erforderlich erscheint. Gleichzeitig soll es Betroffene ermutigen, für sich selbst einzustehen, zu kämpfen und nicht immer den Kopf einzuziehen, denn mit seiner Meinung oder Einstellung respektive Lebenseinstellung allein oder nur mit wenigen dazustehen, ist wesentlich härter, als immer mit dem Strom zu schwimmen. Da fällt mir ein passender Spruch ein: "Volk friss Scheisse, denn Millionen Fliegen können nicht irren!" Aber um auf Dein "unmetallisch" mal einzugehen. Das ist gar keine so unverbreitete Thematik im Metal, denn spontan fällt mir ein, das Metallica auf dem Black Album drüber gesungen haben - sogar wortwörtlich, ich weiss aber den Titel nicht mehr. Fear Factory haben sogar einen Song namens Scapegoat auf einem Album.

Wie schon erwähnt, hat es in Euren Anfängen manchmal ziemlichen Wirbel gegeben. Ein Gitarrist und ein Drummer verliessen Euch, und die Plattenfirma ging ebenfalls pleite. Stand Scapegoat als Band damals auf der Kippe?

Tosse: Als nur noch der Bassist Daniel und ich in unserem Proberaum sassen und mal Bilanz zogen, wurde uns bei der Vorstellung, als Hobby- oder Feierabendmusiker zu enden oder etwa ganz aufzuhören, schnell klar, dass wir das nicht aushalten würden, da wir die Musik zu sehr lieben. Wir haben von jeher dafür gelebt und sind dafür eingestanden. Da gab es nichts, was drüber kam, und ein Aufhören wäre für mich auch mit Aufgeben gleichzusetzen gewesen, und das kam dann schon gar nicht in die Tüte!

Jetzt musst Du natürlich noch etwas zu Eurem neuen Plattentitel sagen, der schon ziemlich ungewöhnlich ist. Was um Himmels Willen ist ein Goddog of Prey?

Tosse: Der Titel ist vom Begriff "Bird of prey" abgeleitet, was im Amerikanischen die Bezeichnung für "Raubvogel" ist und auch als Name für die Jagdbomber der Amis verwendet wird. "... of prey" bedeutet soviel wie "des Jagens und Beute machens". Durch die Verbindung mit Goddog soll die ursprüngliche, treibende Kraft des Überlebens dargestellt werden, wobei Goddog, der "Gotthund", die Mythen und Deutungen der Menschen für den Wolf einnimmt. Dadurch, dass man Goddog vorwärts wie rückwärts gleichermassen lesen kann, wird der Gültigkeit dieser ursprünglichen Gesetzmässigkeiten Nachdruck verliehen. Die Verbindung zu Heute besteht darin, dass die Menschheit sich zwar enorm fortentwickelt und kultiviert hat und über und über technisiert ist, aber dennoch nach den alten Mechanismen "funktioniert", wie die ersten Menschen auf dieser Erde. Zusätzlich haben wir das Artwork überwiegend sehr undeutlich und dunkel gehalten, um das Unbewusste darzustellen, so dass die wirklich sichtbaren Anteile genügend Raum für Ahnungen, Befürchtungen und Phantasien lassen. Im Zusammenhang mit dem Titel entsteht dann die Grundlage des Albums, die auf den sogenannten Archetypen von C.G. Jung basiert - genetisch verankerte Urbilder und Vorstellungen, die alle Menschen teilen und sich im "kollektiven Unbewussten" manifestieren - als Mythen und Märchen, Ängste, Emotionen, Wünsche und Triebe, insbesonders in Thanatos, dem Todestrieb, und Libido, dem Lebenstrieb.

Aus Eurer Musik hört man hauptsächlich 80er und frühe 90er Jahre Metalbands heraus, und aufgrund einiger Vocallines von Dir fällt da natürlich auch zwangsläufig der Name Megadeth, wobei man Euch sicherlich nicht auf diese Band beschränken kann, das ist klar. Aber irgendwo scheint es fast so, als ob Ihr mit der Musik der Mitte und späten 90er Jahre nicht mehr allzuviel anfangen könntet. Stimmt die Aussage so überhaupt und wenn ja, was sind die Gründe dafür?

Tosse: Ich habe mich immer schon für Neues interessiert, und Bands wie zum Beispiel Rage Against The Machine oder Clawfinger haben mir mit ihren ersten Alben echt gut gefallen. Auch der eine oder andere Song von Papa Roach oder Nickelback geht mir gut rein. Der Haken bei dieser Geschichte ist, dass sich zu diesen Bands bei mir nicht die gleiche Liebe entwickelt hat wie beispielsweise zu den alten Iron Maiden mit Paul Di'Anno, AC/DC, Ozzy, die alten Judas Priest, Slayer, Megadeth usw. Die haben mich irgendwie viel tiefer berührt! Auch Exodus, Testament, Voivod, Venom, Celtic Frost, Mercyful Fate und andere gehören für mich zu den Klassikern - natürlich auch die noch ältere Generation wie zum Beispiel Black Sabbath oder Led Zeppelin. Ich denke, dass in deren Musik etwas anderes "mitschwingt" beziehungsweise als Botschaft "transportiert" wird als bei Bands neuerer Generationen, weil die Menschen damals in einer anderen Zeit und unter anderen Bedingungen mit einer anderen Motivation als heute Musik machten, was mich vermutlich mehr anspricht. Dabei will ich keinesfalls die Berechtigung der neuen Bands und Strömungen in Frage stellen oder sie gar auf irgendeine Weise abwerten. Nur ist es mir bei keiner der neueren Bands passiert, dass der Funke richtig übergesprungen wäre.

Beschreibe doch mal ein bisschen Euren Proberaum. Wo entstehen die Scapegoat Songs? In einem versifften Vorstadtkeller oder gar in einem netten Räumchen mit Klimaanlage?

Tosse: Wir proben so zwei bis drei Mal pro Woche für ca. vier bis fünf Stunden in einem Komplex mit mehreren Proberäumen. Ansonsten beschäftigt sich jeder mit seinem Instrument, je nachdem, wieviel Zeit er übrig hat. Über Berge von Bierdosen steigen wir jetzt nicht mehr, und das Bier in den "Stupis" gefriert ebenfalls nicht mehr wie zu unseren ersten Tagen. Es ist inzwischen sogar eine feste Heizungsanlage installiert. Bis letztes Jahr haben wir allerdings noch mit einem gewöhnlichen Bauheizer warm gemacht. Aber das Songschreiben läuft noch genauso wie früher. Die Ideen sind schnell da. Das geht oft mit einer Gesangsmelodie und dem Inhalt für die Lyrics einher. Der Song und dessen Charakter oder "Spirit" entwickelt sich dann während der Proben mit der ganzen Band. Das Zusammenfügen und Arrangieren zu einem kompletten Song dauert dann ein paar Proben oder eine Ewigkeit.

Interessant finde ich die Tatsache, dass Ihr unter anderem auch schon mit eher genrefremden Bands respektive Künstlern wie BAP, Udo Lindenberg oder Roger Chapman auf der Bühne gestanden habt. Hat man Euch da aus Versehen gebucht oder wie? Die Udo Lindenberg Fans werden ja wohl kaum Eure Platten zu Hause stehen haben ...

Tosse: Ich muss sagen, diese "Geschichten" zähle ich mitunter zu unseren geilsten Gigs! Wir sind da einerseits reingekommen, weil wir Gewinner eines Rockpreises wurden und das als Bonus zum "Gewinn" dazugehörte. Andererseits hat SWR 1 ein grosses Open Air unter anderem mit Udo Lindenberg in Speyer veranstaltet und wollten eine Spey'rer Band im Billing haben. Da ist die Wahl dann auf uns gefallen. Das hat uns echt gereizt, zumal da "aussenherum", Backstage, Afterparty usw., immer einiges abgeht. Und für Parties haben wir immer was übrig! Wir sassen mit Udo und seinen Musikern bis zum Morgengrauen in der Hotelbar, und ich habe sogar noch eine geile Bluesrock-Akustik-Session mit dem Gitarristen von Roger Chapman abgezogen und mir dabei einen abgewimmert wie Robert Plant in seinen besten Tagen. Naja, ich habe mich zumindest so gefühlt. Ganz nüchtern war ja keiner mehr! Jedenfalls bleibt das natürlich als etwas Einmaliges in Erinnerung. Du kannst es Dir vielleicht nicht vorstellen, aber die Auftritte selbst waren genauso geil für uns. Super Sound und Feeling auf der Bühne, das Publikum ging voll mit und hat uns gefeiert! Als wir uns später ein bisschen unters Volk mischten, kamen dann schon einige auf uns zu und meinten, dass das zwar nicht ihre Musik wäre, die sie normalerweise hören, aber dass sie ihnen wirklich gut gefallen hätte!? Auf diesem Weg ist beim einen oder anderen Besucher von damals dann schon ein Scapegoat-Album im heimischen Plattenregal zwischen Blues- und Kuschelrock CDs gelandet.

Auf der letzten Seite Eures Booklets steht, ich zitiere: "No credits to all Mofus and Bufus: We don't forget, you'll get what you deserve". Wer ist Euch denn da so mächtig auf den Schlips getreten?

Tosse: Ich meine, wenn man sich unsere Bandgeschichte mal genauer anschaut, kann man schon erahnen, dass da nicht immer alles so rosig war. Deshalb betrifft diese Aussage auch genau die, die wissen, dass sie damit gemeint sind. Für mich ist das ein bisschen Genugtuung und auch Stolz, weil einzig und allein Daniel und ich dafür verantwortlich sind, dass Scapegoat wieder auf den richtigen Gleisen marschiert!

Und wie geht's jetzt bei Euch weiter? Was sind Eure nächsten Ziele?

Tosse: Wir haben beschlossen, nach der Veröffentlichung von Goddog Of Prey am 18. März die CD ordentlich zu promoten. Als Auftakt dazu sind wir am 4. Mai beim Bands Battle Festival in Stavenhagen dabei und machen danach zwei regionale Heavy Metal Nights mit Evolution und Dreadful Minds am Freitag, den 10. Mai in Farnkenthal im "Altes Brauhaus"-Musikclub. In Speyer treten wir in der Halle 101 am Samstag, den 8. Juni 2002 auf. Ab August 2002 starten wir dann eine überregionale Clubtour mit ca. zehn Terminen, und im Frühjahr 2003 werden wir die Aufnahmen für das nächste Album machen, das dann im gleichen Jahr noch veröffentlicht werden soll.


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The Renewal

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